‚Die Dame und das Einhorn‘

Sie las gerade von Patti Smith ‚Im Jahr des Affen‘. Gegen Ende des Buches erzählt Patti von einem Besuch im Cloisters. Die Kreuzgänge sind eine Zweigstelle des Metropolitan Museum of Art und beherbergen einen Teil der Sammlung mittelalterlicher Kunstwerke. Eindrücklich erzählte sie, wie sie vor einem Wandteppich stand, der ‚Das Einhorn in Gefangenschaft‘ zeigt. ‚Das mythische Tier befand sich in einem kreisrunden Holzzaun, umgeben von einem Teppich aus kräftig leuchtenden Wildblumen.‘ Es gehört zu einer Serie von sieben flämischen Wandteppichen – ‚Die Jagd des Einhorn‘, geschaffen in sechszehnten Jahrhundert.

Blaue Feder hatte einst ein Selbstportrait von sich in jungen Jahren gemalt. Inspiriert von einer Serie von sechs Wandteppichen aus dem 15. Jahrhundert ‚Die Dame mit dem Einhorn‘, die in Paris im Musee de Cluny zu finden sind. Es wird davon ausgegangen, dass fünf der sechs Teppiche für die Sinne stehen. Der sechste Teppich ist mit der Inschrift ‚À mon seul désir‚, zu deutsch ‚Mein einziges Verlangen‘ versehen.
Dieser Teppich steht wohl für den sechsten Sinn oder auch für die Liebe an sich. Wie bei den Wandteppichen der ‚Jagd des Einhorn‘ sind die Teppiche im Stile der Mille-Fleur gestaltet, was sich auf den mit zahlreichen Blumen geschmückten Hintergrund bezieht.

Auf ihrem Selbstbildnis war Blaue Feder etwa halb so alt wie jetzt. Sie nannte ihr Bild ‚Die Künstlerin im Garten der Mutter‘.

Es erinnerte sie daran, dass sie langsam auf ihre zweite Saturn-Rückkehr zusteuerte. – Schaute sie in die Sterne, sah sie Saturn gerade eine Pause einlegen, um in Kürze seine Rückläufigkeit anzutreten wie auch schon Pluto. Ein kleiner Seufzer durchfuhr ihren Körper. Sie atmete tief durch. Da brauchte es wohl viel Geduld und einen langen Atem. Blaue Feder hatte in der Weltenkiste die Bilder von den Kämpfen in Israel gesehen. Es hatte sie sehr traurig gestimmt. Als junge Frau war sie ganz nach Israel gereist, um für den Frieden in der Welt zu meditieren. Nun war sie fast doppelt so alt und war zu der Erkenntnis gelangt, sie konnte die Welt nicht retten. Aber sie konnte immer wieder dafür sorgen, dass die Liebe in ihrem Herzen wohnte. Das war vielleicht ihr einziges Verlangen.

Als sie ihr Bild noch einmal betrachtete, kamen ihr noch einmal die Worte ‚wild und sanft zugleich‚ in den Sinn, die sie auf dem Weg zur Wunderlinde aufgelesen hatte.

Blaue Feder hüpft heute mal in ihr Atelier. Ein Einhorn hatte sie geküsst und draußen fiel noch immer der Regen.

Wer mehr zu den Teppichen erfahren möchte findet Hinweise in den Büchern von Rainer Maria Rilke ‚Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge‘ und in ‚Die Dame mit dem Einhorn‘. Die Entstehung dieser Tapisserien wird auch in dem Roman ‚Der Kuß des Einhorns‘ von Tracy Chevalier thematisiert.

2 Kommentare zu „‚Die Dame und das Einhorn‘

  1. Sehr schönes Bild. Hast du das mit Akrylfarben gemalt?
    Auch eine sehr schöne Farbkombination, und ich mag, dass es so natürlich ist und irgendwie in einem natürlichen Garten zu sein scheint, obwohl das Bild ja eigentlich was ganz anderes zeigt, aber das kommt bei mir durch, wenn ich es betrachte. Hast du sehr gut gemacht und ich denke, das ist auch für dich eine schöne Erinnerung

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    1. Ja, ich habe Acrylfarben genommen. Ich habe auf einem Stoff mit Blumenmuster gemalt und sie hier und dort immer wieder durchscheinen lassen. Das gibt wohl den Eindruck im Garten zu sein. Ich male gerne auf Stoffen. Danke für Deinen lieben Kommentar. Herzliche Grüße, Susanne

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