Die Wunderlinde

Ein Sturm fegte über das Land, nahm hier und dort etwas Altes mit sich, wirbelte einiges durcheinander und sortierte es neu zusammen.

Ein kleiner Wirbelwind wirbelte auch am Morgen durch den Garten. Er oder sie war so flink, dass Blaue Feder manchmal nur den buschigen Schwanz erwischte. Es gab mal wieder Erdnüsse und die waren sehr beliebt.

Irgendwie schwappte die Energie des Eichhorns auf sie über und spontan plante sie einen kleinen Ausflug zur ‚Wunderlinde‘. Sie holte den Drahtesel aus dem Stall, staubte ihn ein wenig ab und pumpte die Reifen auf. Sie war schon länger nicht mit dem Fahrrad über das Land gefahren und war aufgeregt wie ein Kind. Hach, wie war das schön, als ihr der Wind um die Ohren blies. Ihr Herz klopfte und es fühlte sich ganz abenteuerlich an. Sie fuhr durch die alten Eichenalleen und entdeckte schon den jungen Salomonsiegel.

Als sie auf die Chaussee einbog, lachten sie die ersten Sternmieren an. Auf den Feldern saßen Kiebitze. Blaue Feder fühlte sich frei wie die Kiebitze – frei wie der Wind. Sie querte die BroklandSau oder die Ullra, so ihr alter Name und lauschte ihrem ruhigem, altvertrauten Klang.

Weiße Möwen saßen auf einem frisch gepflügten Feld und kündigten etwas Neues an. Sie fuhr ins Land des Stieres, das war eindeutig an dem dicken Stier zu erkennen, der auf der anderen Straßenseite wie ein Fels da stand. Er bewachte, so schien es ihr, einen Baum. Das war keine Linde, das war wohl eher eine alte Eiche. Eine Schaukel hing in dem Baum und lud ihr inneres Kind ein, eine Runde durch die Luft zu schaukeln. Hier durfte das Kind – Kind sein.

Blaue Feder war nun in Süderheistedt und schaute, ob die Störche schon Nachwuchs hatten. Frau Storch saß auf dem Nest, aber es war kein Nachwuchs zu sehen. Sie sah sie das Nest richten. Von Herrn Storch war keine Spur zu sehen.

Der ‚Alte Landweg‘ würde sie zur Wunderlinde führen und schon bald war sie dort.

Ein großer Findling schmückte diesen Platz, der ein Bild der Wunderlinde zeigte mit einer Elster in den gekreuzten Zweigen. Ein Weißdorn hinter dem Stein war gerade erblüht. Dieser Baum zierte auch das Wappen von Süderheistedt.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Suederheistedt-Wappen.png

Dieser ‚Groet wonderlich Boem‚ war ein Symbol für die Freiheit. Nach einer alten Sage, werde er solange grünen, wie Dithmarschens Freiheit bestünde. Als das Land durch die letzte Fehde 1559 an der Aubrücke seine Freiheit verlor, verdorrte entsprechend dieser Weissagung der Baum in den folgenden Jahren. Nach einer alten Prophezeiung würde Dithmarschen die Freiheit zurückerlangen, wenn eine Elster auf dem Baum brütete und fünf weiße Jungen aufziehen und der Baum sodann von neuem ergrünen würde. Dieser Prophezeiung ein wenig auf die Sprünge zu helfen, pflanzten die Süderheistedter diese junge Linde an die alte überlieferte Stelle. – Bestimmt war diese junge Linde eine Enkelin der altwürdigen Wunderlinde.

Blaue Feder strich zärtlich über den noch jungen Stamm der Linde. Sie setzte sich auf die Bank. Auf der Wiese vor ihr ästen ein paar Rehe. Im Hintergrund sah sie ihr Heimatdorf liegen. Entlang des BroklandSau sah sie Kiebitze fliegen. Sie schloß die Augen und lauschte dem jungen Klang der Lindenblätter und hörte in ihr den Satz:

‚Im Herzen bist Du immer frei.‘

Blaue Feder bedankte sich bei der jungen Linde für diesen schönen Satz. Sie war bestimmt eine Enkelin der einstigen großen Wunderlinde, wenn sie jetzt schon soviel Weisheit in sich trug.

Eine Krähe kam geflogen und forderte Blaue Feder auf, ihr zu folgen. Sie stieg wieder auf ihren Drahtesel und fuhr ihr nach. Kurz hielt sie inne, weil ein anderer Baum auf sich aufmerksam machte. Er stand in Gesellschaft eines alten Hollunderbaumes. Blaue Feder verneigte sich, so wie es sich bei alten Hollerbäumen gehört. Den jungen Baum kannte sie nicht. Er hatte fächerartige Blätter. So allein anhand der Blätter, erriet seinen Namen nicht. Manchmal hörte sie die Namen in sich. Doch diesmal war Stille in ihr. Doch vertraute sie darauf, dass er sich irgendwann zu Erkennen gab. Denn so, war es ja immer.

Sie fuhr weiter und hielt an der Kreuzung, die zum Wald führte. Auch hier standen diese Bäume mit den fächerartigen Blättern. Sie beobachtete ein Reh, welches zu zwei Gänsen hinüberging, die unter zwei Bäumen saßen.

Von nun an machte sie langsam, schob ihren Drahtesel und ging hinein in den ‚Siebenwunderwald‚. Die Buschwindröschen lachten sie an und auch das Scharbockskraut. Sie tauchte in das wunderbare Grün des Waldes. Es erinnerte sie an den ‚Grünen Mann‘. Einst war er derjenige, der die Wesen des Waldes beschützte. Er verehrte das Weibliche und wirkte mit seiner Göttin gemeinsam – Seite an Seite.

Wolf Dieter Storl schrieb weiter in seinem Newsletter zum Fest Beltane:

‚Die Menschen tanzten Reigen um den Baum, tranken berauschende Gebräue und feierten ausgelassen. Die Dorfschönste wurde zur Maibraut erkoren. Als Verkörperung der Göttin trug sie eine Krone aus blühendem Weißdorn. Der kräftigste Bursche, die Verkörperung des Sonnengottes, wurde ihr zur Seite gestellt. Oft war er grün gekleidet: Er war der »grüne Mann«

Blaue Feder tauchter tiefer in den Wald, blieb aber auf den Wegen, weil jetzt überall die Tiere am Brüten und Setzen waren. Sie sah das junge Glücksklee und zarte Blüten aus dem alten Laub emporsprießen. Das Salomonsiegel und die Maiglöckchen tanzten zusammen und würden bald erblühen. Die Farne entrollten langsam ihre Blätter. Es tat so gut in das Maiengrün zu tauchen. Es war ihr, als würde ihr ein grünes Kleid übergestreift. Das Grüne Kleid umwehte sanft ihren Körper. In diesem Kleid fühlte sie sich beschützt und geborgen.

Als sie wieder aus dem Wald auftauchte, sah sie Herrn Storch oben am Himmel fliegen und auf dem Pferdegestüt den ‚Kleinen Onkel‘ stehen. Vom ‚Kleinen Onkel‘ war es nur ein kleiner Sprung zu Pippi Langstrumpf und zu ihrer Geschichtenerzählerin Astrid Lindgren. Da fiel ihr ein, Zuhause hatte sie ein Buch von ihr, das hieß: ‚Klingt meine Linde‘. Es wäre wohl spannend zu lesen, welche Geschichte Astrid Lindgren zur Linde erzählte.

Wieder daheim suchte sich Blaue Feder das Buch heraus, nahm sich den Lindenbast hervor und fing an Papyrus-Rollen zu basteln. Welches Geheimnis sich wohl hinter den Papyrus-Rollen verbirgt?

-Das ist doch mal ein guter ‚Cliffhanger‘, oder?

10 Kommentare zu „Die Wunderlinde

    1. Liebe Liv, ‚Klingt meine Linde‘ ist eine kleine Sammlung von Geschichten, die von den Ärmsten der Armen handeln. Wunderschöne, manchmal traurige und eher nachdenkliche Geschichten von der lieben Astrid. Herzliche Grüße, Susanne

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