Das alte Dorf unter den Linden

Als Blaue Feder am Morgen die Gardinen öffnete, saß eine Taube im taufrischen Gras in ihrem Garten. Sie schauten sich eine Weile an. Sie hatte in der Nacht mit anderen zusammen getanzt. Die ausgelassene Stimmung schwang noch in ihr nach. Sie fragte sich, warum sie eine Geschichte erzählte, die in den Rauhnächten gewebt wurde. Vielleicht, weil wir in der tiefen Nacht die Visionen für das Jahr empfangen? Sie schaute noch einmal in ihr Tagebuch. Was hatte sie denn in der fünften Rauhnacht gemacht? Sie war ins Winterwonderland hinausgegangen und hatte die Linden im Dorf besucht. So zog sie am Morgen los, die Linden in ihrem Dorf zu besuchen, denn manchmal wurden ihr die Zusammenhänge erst im Rückblick bewusst.

Zielstrebig ging Blaue Feder zu den Zwillingslinden, die vorm Lindenhof stehen. Die aufgehende Sonne strahlte durch sie hindurch.

Diese beiden Linden sind schon imposant anzusehen. Als Blaue Feder noch einmal zurückschaute fiel ihr auf, auch an der Straße stand eine Linde. Sie erinnerte sich, dass gegenüber auf der anderen Straßenseite auch eine Linde stand. Im Sommer hatte sie hier mal unter einer Linde gestanden und den tausend Bienen zugehört, die darin ihr Lied summten. Das war, als würde Freya, die Göttin der Liebe, selbst singen. Linden sind wahre Bienenweiden. Blaue Feder hatte gelesen, eine Linde konnte bis zu 60.000 Blüten hervorbringen. Wer hat die bloß alle gezählt?

Blaue Feder war hier im alten Teil des Dorfes. Jeder Weg hier hieß ‚Im Dorfe‘. Als sie die alten Wege des Dorfes abschritt, fiel ihr auf, dass alle Wege mit Linden gesäumt waren. Überall sprossen die jungen herzförmigen Blätter aus den Stämmen.

Als nächtes besuchte sie das kleine Blaue Haus, vor dem, Du ahnst es schon, vier Linden stehen.

Blaue Feder war im Rausch der Linden. Die Taube auf dem Dach lachte Blaue Feder an. Beim Heckenrosenhaus, wo sie oft auf das freie Land hinausging und wo die lustigen Fahnen im Wind wehten, sah sie zwei Fasane in der Morgensonne spazieren gehen.

Sie nahm heute den Weg rechter Hand und natürlich war er wieder von Linden gesäumt. Sie schaute sich die alten Bäume genauer an, ihre Triebe am Fuße, die sie wie einen Schoß umgeben. Zärtlich strich sie über ihre Rinde. Egal, wo Blaue Feder heute hinschaute, standen Linden. Wie hatte sie sie vorher nicht sehen können, waren es doch teilweise sehr stattliche Baum-Damen, die sie da anlachten.

So war es in letzter Zeit immer. Wenn sie sich auf einen Baum einpeilte, sah sie die Bäume plötzlich überall stehen. Es hat wohl etwas damit zu tun, wie wir uns ausrichten. Nach der freudigen Erkenntnis, dass sie in einem Dorf unter den Linden wohnte, machte sie noch einen Abstecher ins Moor. Ein paar Rehe ästen auf der Wiese. Der Gehörnte schaute sie kurz an, doch ließen sie sich von der Blauen Feder nicht stören.

Dort, wo es zum Großen Mondsee ging, saß wieder eine Taube im Baum. – Wie war das noch mit dem Heiligen Geist? Es war schön in die Nebel vom Großen Mondsee zu tauchen. Eine stille Weite breitete sich in ihrem Herzen aus.

Auf dem Rückweg sang ein kleiner Vogel ein Lied. Ihr kennt ihn schon, das Blaukehlchen. Die Rehe grasten immer noch friedlich vor sich hin und Blaue Feder tauchte wieder in die Linden.

Hinter der Hainbuche, die Blaue Feder auch erst kürzlich entdeckt hatte, sah sie einen alten Stein liegen. Der sah aus wie dahindrapiert. Sie hatte das Gefühl, er grinste sie mit einem breiten wissenden Lächeln an. Nicht von Oben herab, mehr wohlwollend wie eine gute alte Vertraute.

Blaue Feder hatte sich ein paar Blätterknospen der Linden gepflückt. Sie setzte sich unter ‚ihre‘ Eiche und nun gab es ein kleines Lindenblätter-Frühstück. Junge Lindenblätter sind sehr lecker, schmecken süß und nussig und sind sehr bekömmlich für den Magen. Man kann sie einfach aufs Brot legen, in den Salat tun oder so von der Hand in den Mund stecken. Wie uns die Lindenblüten helfen, wenn wir erkältet sich, so sind auch ihre jungen Blätter voller Vitamine. Es war ihr, als würde sie sich die liebevolle Herzenenergie der Linde einverleiben, während eine Taube vom Baum gegenüber sie anlachte.

Was sie noch vergessen hatte zu erwähnen – Linden gehören zum Clan der Malvengewächse. Das war es wohl, was ihr die Feuerwanzen hatten sagen wollten – unter anderem. Zu den Malvengewächsen gehören auch der Kakaobaum und die Baumwolle. Vielleicht konnte ihr die CocoaSau mehr zur Famile der Malvengewächse erzählen, die kannte sich ja mit Kakao aus, war sie doch aus einem alten Kakoabohnensack genäht. Wer weiß, vielleicht hatte ja Blaue Feder Kakaobohnen eingepflanzt oder gar die Samen einer Linde? Sie musste sich die Samen wohl noch einmal genauer anschauen.

Unter den Linden wurde von jeher gerne getanzt. Traditionell würde es am Abend ein Maifeuer im Dorf geben. Blaue Feder hatte noch nichts gehört, ob es ausfällt. Nun, sie würde schon irgendwo ein Feuer finden, um in den Mai zu tanzen und wenn es nur eine kleine Kerze war, die sie sich anzündete. Vielleicht tanzte sie mit ihren Wilden Säuen in den Mai?

Blaue Feder wünscht Dir einen schönen Tanz in den Mai!

2 Kommentare zu „Das alte Dorf unter den Linden

Schreibe eine Antwort zu Blaue Feder Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s