Die geheimen Tänze der Feuerwanzen

Keine Wolke war am Himmel zu sehen. Die Sonne schien warm, wenngleich der Nordwind noch sehr kühl daher kam. Das erste Schwalbenkraut auf dem Schwalbenhof hatte eine Blüte geöffnet und tatsächlich wurden die ersten Schwalben am Himmel gesichtet.

Blaue Feder liebte es, die vertrauten Stimmen am Himmel zu hören. ‚Stardust‘ und ‚Delta‘ waren allerdings noch nicht zurückgekehrt. Warum sie so außergewöhnliche Namen trugen – vielleicht, weil sie den Sternen so nah waren?

Heute besuchte ein Gimpel-Pärchen die Weidenfrau.

Blaue Feder erforschte den Süden ihres Gartens. Hier lag noch altes Laub. Als sie es zusammenharkte, wurde ihr bewusst, dass es Buchenlaub war. Eine große Hainbuchenhecke umfriedete ihren Garten im Süden. Sie war bestimmt zwei Meter hoch und grenzte ihr Grundstück zu den Nachbarn ab. Sie bot Schutz vor fremden Blicken. Hinter der Hecke hörte Blaue Feder die Kinder der Nachbarin den Garten bereiten. Der Tochter machte es wohl Freude und dem Sohn weniger.

Hinter einer Hainbuchenhecke konnte man die Leute belauschen, ohne gesehen zu werden. Blaue Feder konnte sich vorstellen, das man früher im Buchenhain geschützt gewesen war. Vielleicht traf man sich im Buchenhain zu geheimen Zusammenkünften. Die Amseln saßen gerne in der Hecke. Manchmal saß der schwarze Kater von nebenan unter der Hainbuchenhecke. Dann sah sie nur seine gelben Augen blitzen. Die Hainbuche wird auch Hagebuche genannt, was vom ‚Hag‘ abgeleitet ist, der Hecke. Die Hecke ist ein Grenzland. Sie strahlte etwas beharrliches und unverwüstliches aus. Wird ein Ast abgeschnitten, wachsen drei neue. Dabei haben die wuscheligen Sträucher ohne Stacheln durchaus ein freundliches Wesen. Blaue Feder fühlte sich geschützt. Sie wollte auch nicht immer mit allem gesehen werden. Hinter einer solchen Hecke konnte auch sie sich verstecken.

Dort hockte sie nun auf allen Vieren in ihrem Garten und pflückte etwas Gras aus den Beeten. Hier und dort wollte sie ein paar Samen säen und lockerte den Boden etwas auf und verteilte frische Erde. Als sie am Werkeln war, tanzten die Feuerwanzen in ihr Blickfeld. Zwischen Löwenzahn und Steinen tanzten sie ihren Tanz. Sie mochte die Feuerwanzen wohl leiden. Ihre Panzer erinnerten sie an afrikanische Masken. Gleich sah sie afrikanische Tänzer ausgelassen im Kreis tanzen mit Speren in der Hand und reichlich Schmuck, der beim Tanzen auf und ab wippte. Sie hatte auch schon länger wieder nicht getanzt. Vielleicht konnte sie den Feuerwanzen-Tanz tanzen?

Es war wohl die Paarungszeit der Feuerwanzen. Männchen und Weibchen hingen mit ihren Hinterteilen aneinander. Das konnten sie wohl stundenlang praktizieren. Es sah aus, als würden sie in beide Richtungen laufen können, doch tragen die etwas größeren Weibchen die Männchen mit sich.

Was wusste Blaue Feder über die Feuerwanzen – eigentlich, so gut wie nichts.

Sie hatte gelesen, sie hätten einen Vorliebe für Malvengewächsen wie Stockrosen. Tatsächlich standen hier ein paar Mauretanische Malven und auch eine Stockrose. Sie sollen auch mit den Linden eine Beziehung pflegen. – Ja, die Linden scheinen langsam bei Blaue Feder anzuklopfen. Es gab hier ein paar zauberkräftige Linden in der Gegend wie die Zauberlinde an der BroklandSau und auch die Fünffingerlinde im Riesewohld. Diese Linden umwehten so einige Geheimnisse.

Die Wanzen erinnerten sie an das Kinderlied, dass sie gerne gesungen hatte. Es ist ein Lückentext-Lied. Du kennst es bestimmt auch!?

‚Auf der Mauer, auf der Lauer
sitzt ’ne kleine Wanze.
Auf der Mauer, auf der Lauer
sitzt ’ne kleine Wanze.
Seht euch nur die Wanze an,
wie die Wanze tanzen kann!
Auf der Mauer, auf der Lauer
sitzt ’ne kleine Wanze.‘

Im Verlauf des Liedes wird dabei pro Strophe von den Worten „Wanze“ und „tanzen“ jeweils ein Laut entfernt, bis schließlich eine Pause gemacht werden muss.

Wanze, tanzen

Wanz, tanz

Wan, tan

Wa, ta

W – t

-,-

Diese Lücken und Pausen fand Blaue Feder spannend. Vielleicht würde sie in einer ihrer Pausen mal die Zauberlinde besuchen. Blaue Feder schaute den Geheimen Tänzen der Feuerwanzen zu. Im Grunde wissen wir so wenig wie alles miteinander zusammenhängt. Alles hat wohl seinen Sinn in diesem großen Ganzen. Manchmal fühlte sich Blaue Feder recht klein und verstand garnix. Manchmal verbockte sie auch Dinge und machte etwas falsch. Dann tat es ihr hinterher leid. Sie konnte sich nur so annehmen wie sie war und sich langsam annähern. Vielleicht war es an der Zeit die Lücken und Pausen zu erforschen? In der Natur waren gerade alle mit Brüten beschäftigt. Auch die Feuerwanzen würden ihre Eier wo ablegen und sich um ihre Brut kümmern. Vielleicht hatte eine Blaue Feder auch Eier zu bebrüten?

Vieles geschieht im Geheimen für andere unsichtbar und wir müssen auch nicht alles wissen. Manchmal geht es wohl genau darum, anzunehmen, dass wir vieles nicht wissen. Wir können wohl nur staunend beobachten. Vielleicht erhaschen wir hier und dort mal eine Ahnung. Vielleicht auch eine Ahnung, welches unser Platz in diesem großen Gefüge sein könnte. Blaue Feder hatte den Eindruck sie störte die Feuerwanzen nur bei ihrem Liebestanz. Deshalb machte sie eine Pause und ließ sie in Ruhe.

Sie hatte in der Gartenkammer ein kleines Döschen gefunden mit geheimen Samen. Wer ihr das wohl wieder untergejubelt hatte?

‚Feng Shui‘ stand drauf. Vielleicht hatten ihr die Elfen oder Zwerge mal wieder einen Streich gespielt. Wer weiß das schon? Mit ‚Feng Shui‘ kannte sie sich auch nicht aus. Sie pflanzte mal drei von den großen Samen ein. Drei ist immer ein gute Zahl, dachte sie. Was sie da wohl gepflanzt hatte? Ihr kam es so vor, als würde der kommende Mondenzyklus voller Geheimnisse sein. Am Abend zündete sie sich ein Feuer an, zog ihr Kleid an und fing an zu tanzen.

2 Kommentare zu „Die geheimen Tänze der Feuerwanzen

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