‚Das Haus der Baba Yaga‘

Im Haus duftete es nach frischem Bärlauchbrot. Blaue Feder hatte am Abend zuvor eines gebacken. In der Dusche saß ein Tausendfüßler. Sie schaute sich dieses filigrane Wesen mit seinen vielen Füßen an. ‚Tausend‘ waren es wohl nicht, aber sehr viele Füße. Sie empfand Zärtlichkeit für dieses zarte Wesen und setzte es vorsichtig auf ein Stück Papier und brachte es raus.

Sie hatte sich noch ein paar Mal ihre erzählte Geschichte angehört, weil sie die Fotos dazu noch einmal synchronisierte. Sie war verwundert – früher, wenn sie ihre Stimme irgendwo auf einem Tonträger gehört hatte, klang sie irgendwie fremd. ‚Du hörst Dich an wie Deine Mutter‚, hatte sie manchmal gedacht.

Doch diese Stimme war ihr nun vertraut. Sie hörte sich nicht mehr fremd an. Es war ihre Stimme, wiedergefunden auf ihren Streifzügen durch die Natur. Vielleicht keine große Singstimme, aber eben die Stimme einer Blauen Feder. Auf jeden Fall keine Stimme, die sie verstecken müsste. Vielleicht war sie ein wenig ungeübt und vielleicht ein wenig schüchtern. Aber es war eine ruhige Stimme mit einer eigenen Melodie, einem eigenen Klang, die wie eine Quelle langsam aus der Erde hervorquoll. Vielleicht hatte sich auch nur Blaue Feders Blick verändert und sie schaute sich selbst mit einem liebevolleren Blick an – das kann natürlich auch sein!

Am Morgen war sie mit der Frage aufgewacht: Was bedeutet es eigentlich sich zu vernetzen? Wie ist es mit dem inneren und äußeren Netz und was hat es mit der Verbundenheit auf sich?

Ein Kernbeißer-Pärchen hatte die Leckereien der Weidenfrau entdeckt – kam sie langsam zu dem Kern der Geschichte?

Sie nahm ihre Frage mit auf eine kleine Runde. Sie ging noch einmal den kleinen Rundweg der Alten Eichen. Ein schönes Pferd begrüßte sie. Sein Fell hatte eine eigenwillige Färbung. Sie schauten sich eine Weile tief in die Augen.

Heute war richtig etwas los auf diesem kleinen Rundweg. Sie kam sich vor wie auf der Mönckebergstraße, einer Einkaufsstraße in der Großen Stadt. Obwohl diese wohl gerade etwas verwaist war. Einige Dorfbewohner gingen eine Runde mit ihren Hunden. Hier und dort wurde geplauscht. Manche liefen auch quer über das Stoppelfeld. Den Hermelin würde sie bei so viel Trubel heute wohl eher nicht antreffen.

Am Wegesrand lachten sie die Fetten Hennen an. Sie streckten jetzt schon eifrig ihre Köpfe aus der Erde. Blaue Feder freute sich, ihre neu gewonnenen Freundinnen wiederzusehen. Das war auch schon mal anders gewesen, da fand sie Fette Hennen ziemlich doof. Doch Ansichten können sich ändern, wie sie grad gesehen hatte.

Dann lagen da plötzlich große Eier auf dem kleinen Wall. Was war das denn? Vielleicht war das wieder so eine Stinkmorchel wie im vergangenen Jahr? Blaue Feder kletterte auf den kleinen Wall, um sich die Riesen-Eier aus der Nähe anzuschauen. Vielleicht waren es Drachen-Eier? Bei der Größe konnten es eigentlich nur Drachen-Eier sein, oder? Vorsichtig berührte sie die Eier. Es war ihr etwas unheimlich. Aus zwei Eiern war schon etwas herausgeschlüpft und eines war noch verschlossen. Hach, Blaue Feder liebte Geheimnisse, auch wenn sie dieses ein wenig unheimlich fand. Sie ließ die Eier liegen und ging weiter und schaute sich um. Wer weiß, was ihr heute noch begegnen würde. Vielleicht liefen ihr ein paar kleine Drachen über den Weg?

Als sie so über die Wiesen schaute, fielen ihr die Pferde auf, die zwischen den Bäumen standen.

Weiß – Rot – Schwarz

Die Pferde erinnerten sie an die Geschichte von Vasalisa, der Weisen. Auf dem Weg zur Hütte der alten Baba Yaga begegneten Vasalisa drei Reitern. Der Erste ritt auf einem weißen Pferd, der Zweite auf einem roten Pferd und der Dritte auf einem schwarzen Pferd. Vasalisa fragte die Baba Yaga, wer die Reiter waren. Die alte Wissende antwortet ihr, der Weiße sei ihr Tag, der Rote die aufgehende Sonne und der Schwarze ihre Nacht.

Clarisa Pinkola Estès hat ausführlich über dieses alte Geschichte geschrieben. Du kannst es in der Wolfsfrau nachlesen. Diese Geschichte erzählt Dir viel über die Einwehung in die weibliche Intuition. So bekam Vasalisa von ihrer Mutter, bevor diese starb, eine Puppe geschenkt. Diese kleine Puppe begleitete Vasalisa auf ihrem Weg, als sie das Feuer aus dem Haus der Baba Yaga holen sollte. Diese Puppe war ihre eigene Intuition.

Blaue Feder musste noch einmal an ihren Traum mit der Puppe denken und an die kleine ‚Hello-Kitty-Puppe‘ aus dem Geocache-Ei, die ihr in der Dunkelheit leuchtete. Blaue Feder würde wohl selbst noch einmal die Kapitel in der Wolfsfrau nachlesen. Vielleicht waren ja aus den Eiern auch die Großen Auerhühner geschlüpft, die sie in ihrem Seelengarten gesehen hatte – diese großen blauen Ur-Hühner. Sie schaute sich noch einmal ihre Schatzkiste genauer an.

Sie hatte diese Schatzkiste zu ihrem astrologischen ‚Vierten Haus‘ gestaltet. Sie hatte das Haus der Baba Yaga auf ihren Hühnerfüßen hinein gemalten Das Vierte Haus steht für unsere Wurzeln. Blaue Feder hatte in jungen Jahren ‚Das Haus der Baba Yaga‘ selbst getanzt. Sie hatten mit ihrer Tanzgruppe die ‚Bilder einer Ausstellung ‚ von Mussorgsky vertanzt. Noch heute war sie ihrer Tanzlehrerin dankbar, die sie auf ihre Weise an all die schönen Tänze herangeführt hatte. So verwob sich das Gestern mit dem Heute.

Grad malte sie ein paar Buschwindröschen. Das Bild war noch nicht fertig, aber sie zeigte es trotzdem. Ihr fielen die erdigen Farben ihres Bildes auf – recht ungewöhnlich für sie. Vielleicht wollten ihr die Hahnenfußgewächse von ihren Wurzeln erzählen? Pflanzen und Bäume sind ja über ihre Wurzeln miteinander verbunden und kommunizieren auch darüber.

Pflanzen und Bäume bilden ein lebendiges Netzwerk. Dafür steht wohl auch das Symbol der ‚Blume des Lebens‘.

Und wir sind eingebunden in dieses Netz des Lebens. Es gibt diese innere Vernetzung tief in der Erde und tief in uns.

Wie können wir uns verbunden fühlen?

Der Frühling lädt uns ein, zu schauen, welche Pflanzen in unserer näheren Umgebung wachsen. Jeder neuen Begegnung liegt ein Zauber inne. Als Blaue Feder anfing, hier dem Land zu lauschen, kannte sie sich kaum aus. Doch nach und nach stellten sich ihr die Pflanzen, die Bäume, die Vögel und Tiere vor. Wenn sie jetzt hier ihre Wege ging, hatte sie schon viele Freunde dazugewonnen wie die Fetten Hennen und sie freute sich, sie im Frühjahr wieder erwachen zu sehen. Es gab vertraute Orte, die ihr ein Gefühl von Eingebunden-Sein gaben. So machte sie sich langsam vertraut mit diesem Ort und wurde dabei selbst zu diesem Ort. Sie merkte, wie auch ihr Selbst-Vertrauen dadurch wuchs.

Wenn Blaue Feder zurück dachte, war sie eigentlich immer losgezogen und hatte ihre Umgebung erkundet. Ob sie nun als Mädchen im Osten gelebt hatte, als werdende Frau im Süden, als reifere Frau im Westen oder jetzt im Alter im Norden, war sie immer rausgegangen ihre Umgebung zu erkunden – auch in den großen Städten, in denen sie gelebt hatte. Das gab ihr ein Gefühl von Verbundenheit.

Blaue Feder würde wohl noch etwas tiefer tauchen mit den Hahnenfußgewächse, in ihre Geschichte und die Entwicklungsgeschichte der Pflanzen – wie sie aus dem Urozean langsam das Land eroberten. Sie hatte den Eindruck sie war schon wieder mittendrinn in einer neuen Reise im Jahresrund. Es begeisterte sie, wenn sie manchmal den Eindruck hatte, die Fäden verknüpften sich zu einem neuen Bild.

Ob allerdings die Fäden hielten, mit denen sie die Weidenfrau zusammen gebunden hatte, war fraglich. Irgendwie hatten die Spatzen sie als Nistmaterial entdeckt. Da musste Blaue Feder wohl irgendwann nachbessern, aber sie freute sich, dass immer mehr Vögel die Weidenfrau für sich entdeckten.

Am Ende ihres Rundgangs tauchte sie noch in den gelbgoldenen Besenginster. Der Besenginster trägt nicht umsonst seinen Namen. Zu Pfingsten werden aus seinen Zweigen Besen gebunden, mit denen das Haus ausgekehrt wird. Er schenkt uns mit seiner strahlenden Farbe eine Portion Optimismus für den weiteren Weg. Blaue Feder hatte schon ihren Besen gebunden aus Birkenreisig. Sie musste lachen, als sie ihr Tagebuch aus den Rauhnächten las. In der vierten Nacht fand sie einen Hexenbesen.

Der Hexenbesen

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