Ein Hermelin in geheimer Mission

Eine Freundin hatte zu ihr gesagt: ‚Du schöpfst aus der Fülle!‘

Diese Worte gingen Blaue Feder nach. Es war nicht das erste Mal, dass ihr das gesagt wurde. Sie fragte sich, was bedeutet es eigentlich – aus der Fülle zu schöpfen?

Mit dieser Frage ging sie heute über die Schwelle ihres Hauses.

Es war der Freitag vor dem Frühlingsbeginn. Viele Vögel waren am Morgen im Garten gewesen. Sie und Brauner Bär fütterten das ganze Jahr durch. Die Vögel lagen ihnen sehr am Herzen, also gab es immer etwas Leckeres. Blaue Feder schaute in den Vorgarten und die Schneeglöckchen läuteten ihre Runde ein.

Sie begrüßte ‚Ayla‘. ‚Ayla‘ war ihre Dorf-Eiche. Sie hatte sich Blaue Feder mit diesem Namen vorgestellt. Vielleicht hieß sie für andere Menschenkinder auch anders.

‚Ayla‘ war eine alte betagte Dame. Sie wurde im Dorf sehr verehrt, aufgrund ihrer vielen Jahresringe, ihres Alters und ihrer Weisheit. Die kleinen Kinder kletterten gerne auf ihr herum und die großen Kinder versammelten sich gerne unter ihr. Alle Feste fanden ihren Anfang unter ihren Armen. Vor einiger Zeit verlor Ayla einen Stamm. Das erschütterte das ganze Dorf und es wurde alles getan, damit es ihr wieder gut ging. Sie war der Dorfmittelpunkt und so wurden 1000 Krokusse unter ihr gepfanzt. Jetzt im Frühjahr erwachte Ayla in einem Meer von Krokussen. Sie freute sich, weil ihr soviel Ehrerbietung entgegen gebracht wurde.

Blaue Feder dachte, es sei schon komisch, wenn ein Baum alt ist und viele Ringe trägt, dann wird er verehrt. Wenn ein Mensch älter wird und viele Bauchringe mit sich trägt, dann wird er eher beäugt. In Zeiten eines gewissen Jugendwahns, hatte sich wohl so manches verdreht.

An Blaue Feder ging das Thema auch nicht vorbei. Sie trug nun auch schon viele Ringe und man sah ihr die Fülle der Erfahrungen an. Blaue Feder beäugte ihre Ringe auch mit etwas Argwohn. So stellte sie im frühen Jahr ihre Ernährung um und tatsächlich hatte sie schon ein paar Kilo verloren.

Ihr ging es dabei hauptsächlich um ihre Beweglichkeit. Sie mochte sich rund. Aber ihre Knochen knarzten doch ganz schön. Ihren Knochen zu Liebe, war es sinnvoll ein paar Pfunde gehen zu lassen. Sie hatte einen anderen Essensrhythmus als Brauner Bär. Er, mit seinen zwei Metern Größe, verdaute ganz anders als sie. Wenn sie abends aß, dann setzte sich gleich noch mehr Gold auf ihre Hüften. Er war ein Kuchenzahn und liebte Chips. Sie hatte sich aus Liebe zu Brauner Bär seinem Essensrhythmus angepasst, aber nun merkte sie, es tat ihr nicht gut. Die Umstellung fiel ihr recht leicht, weil sie nun Dinge aß, die sie gerne mochte, zu Zeiten, die für sie passten. Das wirbelte zwar die Küche und die Abläufe etwas durcheinander. Aber manchmal tut ein frischer Wind in der Küche ganz gut!

Blaue Feder hatte schon immer gerne alte Menschen um sich rum. Sie lauschte gerne ihren Geschichten. Allen voran, war da ihre Oma gewesen, die auch ziemlich rund gewesen war. Sie hatte sie geliebt, so wie sie war. Vielleicht waren ihr deshalb auch die Eichen nahe, weil sie knorrig waren und eigen.

Sie entschloß sich heute den Eichen-Rundweg zu gehen. Früher musste es hier einen Wald gegeben haben, denn Ostrohe hieß, der ‚Wald im Osten‘. Der Weg war gesäumt von vielen alten Eichen, die das vielleicht bezeugen konnten. Es schneite mal wieder. Es war schon ein kühler Frühlingsbeginn. In der Nacht fielen die Temperaturen immer noch in die Minusgrade.

Sie bog in den Karkweg ein. Er heißt nicht Karkweg, weil er so karg ist, sondern es der Kirchenweg ist. Es gab in Ostrohe nie eine Kirche. Ihre Kirche waren die Eichen. Einmal im Jahr gab es auch einen Gottesdienst unter den Eichen.

Im Karkweg fand sich Blaue Feder vor einer Zaubernuss wieder. Die Zaubernuss ist eine Zauberin, sonst würde sie ja auch nicht so heißen. Sie kann zaubern, weil sie auch bei Kälte blühen kann und es ihren Blüten nichts anhabt. Sie hat viel inneres Feuer, wie auch die Schneeglöckchen. Ihr inneres Feuer bringt das Eis zum Schmelzen.

Verzaubert stand Blaue Feder vor der Zaubernuss. Sie wird auch Hexenhasel genannt. Sie leuchtet gelb und erinnerte sie an ihr eigenes inneres Feuer – ihr inneres Licht.

Sie verband sie mit ihrer Urkraft wie eine Fackel in der Dunkelheit. Sie verkörpert diese unerschöpfliche Energie, die neue Wirklichkeiten erschaffen kann. Wenn sich Blaue Feder mit ihrem inneren Licht verband, hatte sie auch keine Angst. Dann war das Vertrauen in ihr und dann war alles gut.

Die Zaubernuss war für sie wie ein Sinnbild, auch zu leuchten, wenn die Umstände widrig sind. Die Zaubernuss ist verbunden mit der Urkraft, die auch wir in uns tragen. Sie ist wie eine Butoh-Tänzerin, die auch im Schnee nackt draußen tanzen kann.

Sie war keine Butoh-Tänzerin und es war empfindlich kalt. Die Krähen auf den schwarzen Ringen lachten über sie. ‚Ja, lacht nur!‘ dachte Blaue Feder.

Da war ein kleiner weißer Hund hinterm Zaun, der sein Haus und sein Revier verteidigte. Blaue Feder begrüßte ihn und sagte ihm, er würde seinen Job gut machen. Er wedelte mit dem Schwanz.

Dann wieselte am Ende des Weges ein anderes kleines weißes Wesen. War es ein Vogel oder eine Maus? Für eine Maus war es zu groß. Es nahm Blaue Feder wahr und verschwand so schnell, wie es gekommen war. Blaue Feder fiel die schwarze Schwanzspitze auf. Es fiel das Wort ‚Hermelin‘ in sie hinein. Das war spannend. Blaue Feder kannte sich nicht so gut aus, aber in solchen Momenten, war da diese innere Stimme, die wie jetzt sagte, das ist ein Hermelin. Sie hatte noch nie einen Hermelin in freier Wildbahn gesehen. Sie hatten auf dem Hof ab und zu einen Steinmarder. Vielleicht hatte sie Hermeline schon im Zoo oder im Fernsehen gesehen.

Blaue Feder kam sich selbst manchmal wie ein hohler Baum vor, in den manchmal Sachen hineinfielen, wenn sie es brauchte. Ansonsten fühlte sie sich gelegentlich ziemlich leer. Wenn andere gescheit redeten, schwieg sie oft. Manchmal mißtraute sie noch dem, was da so in sie reinfiel. So stellte sie auch den Hermelin gleich in Frage. Vielleicht war es auch ein Frettchen? Später würde sie dann in ihren Büchern nachschauen und sehen, es war tatsächlich ein Hermelin in seinem weißen Winterfell.

Sie ging dann in die Richtung, wo sie den Hermelin vemutete und verweilte in Stille. Tatsächlich sah sie ihn noch einmal auf einer Eiche rauf- und runterwieseln und die Meisen waren in heller Aufregung.

Ein Foto konnte Blaue Feder nicht schießen, dafür war der Hermelin viel zu wendig und flink. Er war wohl auch in geheimer Mission unterwegs. So flink und beweglich müsste sie sein, dachte Blaue Feder. Sie blieb noch lange stehen, aber sie sah ihn nicht noch einmal. Ihr kam das Thema Eifersucht und Neid in den Sinn. Sie hatte die Tage von einer Frau geträumt, die eifersüchtig durch die Fenster des Hofes schaute. Manchmal war Blaue Feder auch eifersüchtig auf jemanden, bis sie sie wieder bei sich anlangte und feststellte.

‚Es ist alles da!‘

Manchmal vielleicht verborgen, aber sie liebte es ja Schätze zu suchen.

Dann riss sie sich los und ging weiter. Die ganze Zeit hatte ein Fasan still im Knick gesessen und alles beobachtet.

Die Sonne blinzelte durch die Wolken und Blaue Feder ging ihren Rundweg weiter. Sie kam auf die Feengras-Allee. Sie schaute sich die Bäume an. Jede Eiche für sich war einzigartig. Keine war wie die andere. Das ist das Schöne im Leben, jede Pflanze, jeder Baum, jedes Tier und jedes Menschenkind ist einzigartig.

Sie kam an dem Gehege vom Rotwild vorbei. Der Hirsch lag mit seinen Rikken faul herum. Ihr taten eingesperrte Tiere immer leid. Sie wünschte ihnen die Freiheit, so wie sie selbst am liebsten frei war.

Kurz begüßte sie noch die Friedens-Eiche und beendete ihre Runde wieder bei ‚ihrer‘ Dorf-Eiche. Sie setzte sich noch eine Weile zu ihr. Sie bedankte sich bei ihr, stellvertretend für all die Eichen, die Zaubernuss und den Hermelin, die sie wieder an ihre innere Quelle erinnert hatten. So wie einst die Königsmäntel mit Hermelin-Fellen besetzt waren, so wurde sich Blaue Feder wieder bewußt, sie war die Königin in ihrem Reich.

Dann ging sie ins Atelier legte sich eine Musik auf; eine Musik von Gabrielle Roth and the Mirrors. Sie hieß ‚Totem‘. Sie fing an zu tanzen und wurde selbst zum Hermelin. Sie tanzte wild und frei. Vielleicht würde sie der Hermelin eine Weile begleiten.

9 Kommentare zu „Ein Hermelin in geheimer Mission

  1. Das war ein schöner Spaziergang und schön auch, an deinen Gedanken teilzuhaben. Ein Hermelin, was für eine wunderbare Begegnung. Ich glaube auch, daß sie meist viel zu schnell für uns sind 🙂 Die Eichen bei dir sind alle ganz prächtig und ich kann die Verbundenheit von dir, wie vom Dorf, sehr gut verstehen! LG Almuth

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