Der Ruf der Weidenfrau

Die Vögel weckten Blaue Feder an diesem Morgen. Diesem Konzert konnte sie nicht widerstehen. Schnell zog sie sich etwas über und ging hinaus und lauschte. Leise hörte sie die Weidenfrau rufen. Sie rief schon eine Weile. Doch spielte Blaue Feder noch mit dem Birkenmädchen und hörte nicht gleich. Kinder hören nicht immer gleich, wenn sie in ihr Spiel vertieft sind.

Wie ein groooßer Ball hing die Sonne über dem Moor.

Blaue Feder tauchte in eine weiche und sanfte Energie. Sie dachte bei sich, dass wohl die Venus in das Wasser der Fische getaucht war. So fühlte es sich an. Es zog sie an den großen Mondsee. Sie stand am Ufer, schloß die Augen, öffnete ihr Herz und ließ das sanfte Morgenlicht hinein.

Auf dem See des Blauen Vogel schwamm ein Gänsesäger-Pärchen in den Sonnenaufgang. Sie zogen eine Lichtspur hinter sich her. So wollte es Blaue Feder heute auch machen, wenn sie durch das Moor ging. Sie machte sich bewusst, dass sie selbst ein Licht war und so ging sie den Weg der Regenbogentänzerin entlang und zog eine Lichtspur hinter sich her.

Sie wurde von den Weiden begrüßt. Die Kätzchen öffneten sich grade. Hexen, die einst in den Weiden Zuflucht suchten, sagte man nach, dass sie den Baum als Katzen wieder verließen. Katzen waren die heiligen Tiere der Göttinen Freya und Holle. Liegt hier vielleicht der Ursprung des Namens Weidenkätzchen?

Die Tage waren Landschaftspfleger durch das Moor gewandert mit Kettensägen und hatten den Weg frei geschnitten. Eigentlich war er frei und eigentlich sollten auch keine Autos mehr durch das Moor fahren, aber den Weiden ging es jedes Jahr an den Kragen. Auf Englisch heißt die Weide ‚Willow‘ und hat den gleichen Stamm wie das Wort ‚Hexe‘. Auch die Hexen, die Saligen, die weisen Frauen wurden verfolgt. Den Saligen erging es wie den Weiden. Es wurden ihnen viele Wunden zugefügt. So zogen sie sich in die Natur zurück und wurden unsichtbar. Ihre Magie besteht wohl immer noch darin, das verletzte Gleichgewicht zwischen Menschen und Natur zu heilen. So bringen uns die Saligen immer noch den Trost der Pflanzenwelt

Die Weiden mit ihrer Nähe zum Wasser und zu den Mooren, waren vielen Menschen wohl etwas unheimlich und vielleicht zu mystisch. Sprach Blaue Feder hier mit den Einheimischen, kam die Weide meist nicht so gut weg. Sie war irgendwie überflüssig. Ja, sie ist dem flüssigen Wasser sehr zugeneigt und hilft uns mit dem Strom des Lebens zu fließen. Ihre unbändige Lebenskraft ist manch einem wohl nicht geheuer. Auch wächst sie nicht gerade und schön, sondern eher urwüchsig, so wie sie es möchte. Sie schöpft ihre Lebenskraft aus dem Wasser. Ihr Drang nach Leben ist unermüdlich. Sogar in den Boden gesteckte Zweige können Wurzeln treiben. Ihre Narben zeichnen sie wohl als Eine, dem Narbenclan Zugehörige aus. Sie ist wie die Birke eine Pionierin und ein Wegbereiterin. Sie bereitet den Boden und sorgt auf ihre Weise in einem naturbelassenen Auenwald für eine große Artenvielfalt. Als Bienenweide verschenkt sie jetzt schon im Frühjahr ihren Nektar.

Blaue Feder mochte die Weiden sehr. Als Kind, in der großen Stadt, war sie an einem Kanal aufgewachsen, an dem viele Trauerweiden standen. Wie oft hatte sie Zuflucht gesucht bei ihrer Lieblingsweide, auf ihren Halmen rumgekaut und wurde von ihr getröstet. Auch als sie größer wurde und die Schule schwänzte, lag sie gerne am Kanal unter den Weiden. Als sie in einem Kinderhaus arbeitete, baute sie mit den Kindern ein Weidenhaus. Darin saß sie mit den Kindern im Kreis und erzählte Geschichten. Sie war wohl selbst eine Weidenfrau wie man es den Märzenkindern gemeinhin nachsagt – ein Kind des Wassers. Einst besuchte sie die Blumenschule im Schongau. Auch dort gab es ein Weidenhaus, das sie magisch anzog. Wie die Weiden war sie nah am Wasser gebaut.

Es tat Blaue Feder immer weh, wenn sie die runtergeschnittenen Bäume sah. Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte sie die ‚Männer mit Kettensägen‘ gerne umgebracht. Da war so eine Wut ihn ihr. Doch hatte sie diese Wut sie nicht weit gebracht. Es waren die Bäume selbst, die sie getröstet haben und geraten haben, in der Liebe zu bleiben. Oft hatte ein Gespräch mit den ‚Männern mit Kettensäge‘ mehr bewirkt und mehr Bäume gerettet, als ihre Wut.

Diesen Morgen lag ein schönes Licht über dem Moor. Die Nebelfrau legte sich heilend über die Wunden. Das Moos würde die Wunden mit einem weichen grünen Polster schließen. Irgendwie war diesen Morgen eine wunderschöne heilende Athmossphäre im Moor zu spüren. Blaue Feder, die die Tage eine Ayurvedische Entschlackungskur machte, war grad von den Toten wieder aufgestanden. Die ersten Tage der Kur waren gruselig gewesen. Aber nun stellte sich eine Leichtigkeit ein. Blaue Feder fühlte sich wie neugeboren.

Blaue Feder wusste, die Weiden waren nicht unterzukriegen. Sie würden wieder ausschlagen.

Sie kam zum See des alten Moormannes und sah die beiden Kanadagänse, wie sie in der Morgensonne dösten und begrüßte die alten Freunde. Sie waren hier oft anzutreffen.

Sie hatte die Tage schon Weidenäste eingesammelt, die längs des Weges der Regenbogentänzerin beim Rückschnitt liegen geblieben waren. Bei der Gänsekuhle waren Weiden abgeschnitten worden, mit langen biegsamen Ruten. Die wollte sie sich heute holen. Sie hatte ein neue Idee, sie wollte eine Weidenfrau flechten.

Ein Silberreiher glänzte weiß in der Morgensonne. Unter einer Birke saß ein Naseweiß und lachte sie verschmitzt an. Ein Findling lag am Wegesrand und grüßte still. Er war ihr vorher noch nicht so aufgefallen.

Die Haseln fingen an zu blühen. Wenn Du genau schaust, siehts Du auch die kleinen weiblichen roten Blüten.

Die Gänse grasten gemütlich auf ihrer Wiese.

Blaue Feder schnitt sich ein paar Ruten von den gefällten Weiden ab und sah ein Weidenteil, das sich gut als Kopf für ihre Weidenfrau eignen würde. Es war ihr aber jetzt zu groß. Auch hatte sie nur eine kleine Heckenschere dabei.

Sie bedankte sich bei den Weiden. Sie freuten sich, das Blaue Feder eine Weidenfrau in ihrem Garten flechten wollte. Blaue Feder war gespannt, was entstehen würde. So etwas hatte sie nie gemacht. Es lagen auch noch Birkenreisige herum, aber sie hatte schon genug zu tragen.

Auf dem Rückweg sah sie ihren Schatten im Licht der Sonne und die Weidenruten und dachte, sie war selbst eine Weidenfrau. Sie machte eine Pause bei der Bank mit den drei Birken. Hier konnte sie die Beine schön baumeln lassen. Manchmal tut es gut sich eine Auszeit zu nehmen. Manches löst sich so von alleine. So schenkten ihr die Birken noch einen Stecken mit Reiseig. Die Weidenfrau brauchte bestimmt einen Birkenreisigbesen!

Blaue Feder fühlte sich reich beschenkt und war dankbar. Sie schloß die Augen und baumelte mit den Benen. Eine Meise sang über ihrem Kopf. Meisen und Birken passen einfach wunderbar zusammen, sind doch beide sehr verspielt. Dann hörte sie vertraute Geräusche. Ein großer Trupp Kraniche flog über sie hinweg. Soviel Glück an einem Tag!

Auf dem Heimweg lugte sie bei dem Haus mit den vielen Kiefern durch die Hecke und sah eine Weidenfrau stehen an einer kleinen Weide. Blaue Feder freute sich. In diesem Garten war viel Spannendes zu finden.

Die Weiden erscheinen uns so verträumt wie der Vollmond, wenn er den Himmel mit seinem weisen Licht erleuchtet. Blaue Feder geht nun in ihren Garten und fängt an ihre Weidenfrau zu flechten, damit ihre Weidenfrau im Schein der vollen Mondin ihren Segen empfängt.

4 Kommentare zu „Der Ruf der Weidenfrau

  1. Das ist ja großartig, daß Du eine Weidenfrau flechten willst, wenn Du sie in den Boden steckst, dann wird sie bald ausschlagen und ihr Körper wird ergrünen! Ich bewundere sehr Deine Arbeiten und freu mich irrsinnig auf Deine Weidenfrau! Bin sehr gespannt, wie sie aussehen wird, bitte mach ein Foto von ihr!. Viele liebe Grüße, Margarete

    Gefällt 3 Personen

    1. Hihi, da habe ich mir vielleicht was ausgedacht. Ich glaube, das wird eine längere Geschichte. Ich habe tatsächlich ein paar Stecken in den Boden gesteckt. Ich weiß nur nicht, ob die Moorweiden dafür geeignet sind. Ein bisschen Körper ist schon zu sehen, aber ich brauche wohl noch mehr Weiden. Ich zeige Fotos, wenn sie fertig ist. Liebe Grüße, Susanne

      Gefällt 2 Personen

      1. Ich freu mich sehr darau! Schade, daß Du soooweit weg bist, sonst würde ich gleich zu dir radeln und Dich um Rat fragen, ich wüsste nämlich auch, wo Weiden stehen, aber kann mir nicht vorstellen, wie ich daraus eine Frau gestalten könnte!

        Gefällt 2 Personen

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