Der Kernbeißer

Während sie nun Esmeralda, Aslan, Freya, Emil und der Bärenbande in ihrer Höhle unterm Tisch ihr Reiselied erzählte, sah sie vieles noch einmal anders, als sie es damals gesehen hatte, als sie zusammen mit Brauner Bär ihre Abenteuer auf dem ‚Wild Atlantic Way‘ erlebte. Diese Reise hatte sie so sehr beeindruckt, das sie sie aufschrieb und nun, nach mehr als vier Jahren ihrer Rasselbande den Winter hindurch erzählte. Die Winterstürme zogen währenddessen ins Land. Die ruhigen Halkyonischen Tage hinterließen ihren Glanz. Die Rauhnächte hatten ihr neue Ideen in den Schoß gelegt und Frau Holle hatte etwas Schnee über ihre Höhle gelegt.

Nun knippste Blaue Feder ihre Taschenlampe aus. Alle rieben sich die Augen, als erwachten sie aus einem Traum. Es war, als hätten sie selbst im Bauch von Mutter Erde gelegen und wären auf eine innere Reise gegangen. Nun erwachten sie aus ihren Träumen. Sie krabbelten unterm Tisch hervor, aus ihrer Winterhöhle und streckten und reckten sich. Der Schnee wurde aus den Decken geschüttelt, die ihnen ein warmes Nest geschenkt hatte und zusammen gelegt. Der Tisch, der ihnen als Höhle gedient hatte, war nun wieder nur ein Tisch. Es war, als wäre nichts gewesen.

Und doch war etwas anders. Im Herzen war es zu spüren. Alle waren auf ihre Weise beeindruckt. Sie verzogen sich auf ihre Plätze im Atelier und spürten dem Erlebten noch einmal nach. Hier und da war vielleicht ein Same ins Herz gefallen, der nun auf den Frühling wartete, damit eine kleine Blume aus ihm sprießen konnte. Das Leben erwachte aufs Neue. Welche Blüten und Blumen würden sich zeigen? Nun, das hängt wohl davon ab, welchen Wintertraum Du geträumt hast.

Am nächsten Morgen saß ein Kernbeißer im Garten. Blaue Feder schaute sich das Kraftpaket an. Er gehört zur Familie der Finken. Oft kommt er sie nicht besuchen. Er erinnerte sie an ihre Eigenverantwortung. Die Tage hatte sie starke Kopfschmerzen und war verspannt vom ewigen Sitzen am Computer. Sie konnte kaum was machen. Den vorherigen Abend hatte sie angefangen mit etwas Yoga. Nach der langen Winterzeit auf dem Sofa spürte sie ihre knarzigen Knochen. Wie ein nasser Sack lag sie auf der Matte. So richtig in ihrer Kraft war sie nicht. Sie spürte genau, was ihr Körper brauchte – eine liebevolle Zuwendung. Heute Morgen küsste die Sonne den Saturn und beleuchtete das Thema noch einmal. Ein bisschen mehr Disziplin in Bezug auf ihren Körper wäre schon fein.

Schon am Sonnabend saß ein Buchfink auf der Walnuss und sprach: ‚Such dir eine Buche!‘

Blaue Feder überlegte, ob es hier in der Gegend eine alleinstehende Buche gab. Bei der Färberei stand eine, doch war ihr das zu weit. An der Gieselau stand die große Wurzelbuche, doch war ihr das zu weit. Es gab einen kleinen Buchenhain, aber da stand keine allein.

So ging sie über die Schwelle und fragte, ob es eine alleinstehende Buche gab. Auch fragte sie, ob es Jemanden gab, der sich gut mit Bäumen auskannte.

Erst landete sie bei sich im Garten im Buchen-Eck. Dort standen vier Buchen beieinander. Sie erinnerte sich, wie sie dort gezeichnet hatte, die Bucheckern und einen Buchensprössling gefunden hatte. Der Wind wehte sie in den kleinen Wald. Es hatte die Tage heftig gestürmt. Viele Äste hatte es heruntergerissen und einige Bäume entwurzelt. Als sie die Allee entlang ging, fiel ihr das Loch im Zaun auf. Dahinter sah sie rote Buchenblätter leuchten. Na klar, im Maiglöchchenwald stand doch eine solitäre Buchen-Frau. Blaue Feder freute sich über ihre Entdeckung.

Im kleinen Buchenhain hatte sie Gefühl, die Buchen sagten zu ihr: ‚Richte Dich auf! Strecke und recke Dich!‘ Sie schauten sie aus weisen Elefantenaugen an. Hier wuchsen immer drei Buchen zu einem Baum, vielleicht hieß der Hain ‚Drei-Buchen-Hain‘. Eine Buche hatte der Sturm entwurzelt. An ihrer Wurzel lag ein Feuerstein klein wie ein Daumen. Eihh, schon wieder dieses Thema. Hatte sie es immer noch nicht verstanden?

Es standen auch alte Holunder-Bäume in dem Wald. Der Sturm hatte auch Zweige von der alten Holler runtergerissen. Ein langer Stecken lag am Boden. Blaue Feder fragte, ob sie ihn mitnehmen durfte. Es wäre ein wunderbarer Wanderstock. – Ja, sie durfte ihn mitnehmen. Blaue Feder war sehr berührt. Der Stock trug eine Verantwortung mit sich her. Konnte sie diese Verantwortung tragen? Sie wusste nicht, ob sie dem schon gewachsen war. Erst fühlte sich der Stock kalt an in ihren Händen. Mit der Zeit wurde er wärmer. Sie spürte, wie sie sich aufrichtete. Nun hatte sie auch drei Füße wie die Buchen.

Sie nahm noch ein paar Ohrenpilze mit, damit sie besser lauschen konnte. Grad hörte sie das Märchen vom Stein und Flöte. Der Hauptdarsteller hieß ‚Lauscher‘. Da gab es auch eine alte Weise Frau in dem Märchen, die hieß ‚Urla‘. Sie erinnerte Blaue Feder sehr an ihre ‚Ulra‘. Das war der alte Name der BroklandSau, des Flusses, der durch ihr Tal floss.

Sie ging in den Maiglöckchen-Wald und fragte, ob sie eintreten durfte. Am Boden entdeckte sie schon das erste Grün. Sie ging vorsichtig, um die grünen Pflänzchen nicht zu zertreten. Sie ging zur alten Buche, die ihre Äste in alle Richtungen streckte. Die alten Buchenblätter hingen noch daran und rauschten, als Blaue Feder näher trat. Blaue Feder wurde etwas schwindelig. Sie fand vier Schneckenhäuser unter der Buche und hatte das Gefühl, sie musste langsam machen.

Sie hörte Geräusche und sah die Pferdefrau von der Artemisia-Weide. Sie war hier grad nicht allein. So entschied sie sich wiederzukommen. Auch der Akku von ihrem Foto war alle. Es ging wohl auch mehr ums Lauschen. Sie könne ihren Zeichenblock mal mitbringen. Sie verabschiedete sich von der Stein-Alten. So alt war sie nicht, aber es lagen ganz viele Steine um sie herum.

Zur Zeit fühlte sich Blaue Feder etwas hin- und hergerissen. Kein Wunder, sind wir in einer Übergangszeit zwischen Winter und Frühling. Es kommt ihr vor wie ein Ringen. Mal ist der Winter stärker und dann lässt sich schon der Frühling spüren. Da war diese alte Kraft und sie spürte auch schon diese neue erfrischende Kraft. Bald würde die Alte der Jungen wohl den Stock übergeben. Dann würde der Frühling kommen. Ja, es war eine Schwellenzeit.

Blaue Feder ging zur alten Holler auf die Wiese bei dem Fichtenwald. Im Licht der Abendsonne hatte sie den Eindruck lauter kleine Elfen würden an ihren Zweigen hängen, schaukeln und spielen. Es waren die jungen Elfen aus den kleinen Weißdorn-Büschen. Hinterm Stamm lugte ein kleiner grüner Elf hervor. Blaue Feder war verunsichert. Sah sie richtig?

‚Na, hast Du Angst vor mir?‘ fragte er. ‚Ja‘, sagte Blaue Feder. Sie war sichtlich verunsichert.

‚Ich kann Dir mehr über die Bäume erzählen, wenn Du mich lässt. Ich bin sozusagen ein Spezialist auf dem Gebiet.‚ ‚Soso‘, sagte Blaue Feder. Mehr fiel ihr grad nicht ein.

Blaue Feder hatte ein Bild in sich, von schwarz und weiß, von männlich und weiblich, die miteinander in Harmonie tanzten. Das war wohl grad ihr Thema. Noch hatte sie etwas Berührungsängste mit dem kleinen Baum-Elf, aber wer weiß, vielleicht würden sie schon bald beste Freude sein.

Sie hörte die Glocke vom Hund der Pferdefrau. So verabschiedete sie sich vom Elf, den Elfen und der dunklen Hollerfrau. Sie würde bald wiederkommen. Dann sah sie die Pferdefrau, die ohne Sattel ritt wie eine Amazone. Sie grüßten sich. Blaue Feder ging hinüber zum Fuchsloch. Sie wollte mal schauen, ob ihr Stein noch dort war. Sie fand einen großen Feuerstein, der wie ein Fuchs-Schädel aussah. Den nahm sie mit. Ihr Fuchs-Stein war verschwunden. Sie freute sich. Nun legte sie den großen Stein an den Fuß der Eiche. Wieder ritt die Pferdefrau an ihr vorbei und sie lachten sich an.

Sie ging heim. Als sie zurückschaute, war der Fuchsloch in ein rotes Licht getaucht. So verabschiedete sich die Sonne an diesem Abend.

3 Kommentare zu „Der Kernbeißer

  1. Wie schön! Ein Kernbeisser!
    Zu unserem Vogelhäuschen im Garten kamen zwei aus dieser Sippe, durchaus auch gleichzeitig, noch im letzten Winter mehr oder weniger regelmäßig zu Besuch. Wie es schien, fanden sie durchaus Gefallen an den von uns liebevoll ausgelegten Leckereien.
    Aber im Frühling verschwanden sie irgendwohin und wurden den ganzen Sommer und bisherigen Winter nicht mehr gesehen…schade.
    Herzliche Wintergrüße aus dem Bergischen Land… 🌲🌲🌲
    von Rosie

    Gefällt 1 Person

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