Ein kleiner Wintertraum

‚Holler‘ zog mit seinem Schneepflug durch das Dorf. Blaue Feder erwachte von dem Gepolter und hüpfte zum Fenster. Das konnte nur bedeuten, der Schnee war liegen geblieben. Sie schaute in den weiß verschneiten Garten. Manchmal konnte Blaue Feder sehr schnell sein. Grad noch saß sie im Traum auf einer vertrauten Hochebene in Tibet und schnitt gleichmäßige Schrägstreifen aus Zeltleinen für einen Saum zu und schon hatte sie sich ihre Drachenmütze aufgesetzt, den Schal um die Ohren gewickelt und die Schneeschuhe gebunden. Nun ging die Reise los in ihren kleinen Wintertraum. Es war dunkel draußen und die Laternen im Dorf brannten noch. Im Lindenhof war schon jemand auf.

Sie ließ das Dorf schnell hinter sich. Der Weg lag jungfräulich weiß vor ihr. Keiner hatte hier je seinen Fuß hingesetzt. Nur die Spuren von wilden Tieren waren zu erkennen. Blaue Feders Herz hüpfte. Sie erkundete eine vertraute und doch völlig neue Landschaft. Es war still. Einzig das Knarzen des Schnees unter ihren Schuhsohlen war zu hören. Schritt für Schritt knarzte sie durch den Schnee. Sie liebte dieses Geräusch. Ihre Ohren drehten sich im Wind und sie lauschte in alle Richtungen. Ein Zaunkönig begrüßte sie und begleitete sie ein Stück des Weges. Ein Silberreiher flog kaum sichtbar am weiß verschneiten Himmel. ‚Weißer Reiher im Weißen Schnee‘- ein schönes Bild.

Als sie ins Moor einbog, traf sie den alten Schneeläufer. Sie trafen sich oft in der Früh. Die Birken tanzten mit den Schneeflocken in den Morgen und Blaue Feder knarzte weiter durch die Stille. Schritt für Schritt, Knarz um Knarz atmete sie tief die frische Winterluft ein.

Hier und dort tanzten die Bäume mit den Lichtflocken.

Der Schnee hüllte ihre Zweige in zarten Schneeschaum.

Manchmal erinnerten sie die Bilder an Schwarzweißbilder aus Kinderzeiten, als es noch richtig fetten Schnee gab.

Manchmal freute sich Blaue Feder über ein sanftes Sepia-Braun.

Am Großen Mondsee wartete schon die Graue mit ein paar Gänsesägern. Sie hatte die Graue erst nicht gesehen. Grauer Reiher im Grau des Mondsees – ein schönes Bild. Es tat ihr gut am Morgen vor der Arbeit eine Runde in der Natur zu drehen.

Eine Birke mit Hexenbesen spiegelte sich im großen Mondsee. Blaue Feder erinnerte sich, wie sie hier zur Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche gestanden hatte und sich die Sonne golden in dem Baum spiegelte.

Sie stand noch eine Weile am Großen Mondsee und tauchte in die Weite.

Als sie das Moor verließ wünschten ihr die Reiher einen schönen Tag und sie den Reihern.

Es schneite weiter.

Zurück im Dorf wurde schon der erste Schneemann gebaut. Sie traf zwei Küntler-Kolleginnen beim Schneefegen. Sie sponnen ein paar zarte Fäden in den Sommer. Ostrohe entwickelte sich langsam zu einer kleinen Künstler-Kolonie. Es würde im Sommer wohl einen kleinen gemeinsamen Kunstmarkt geben und Blaue Feder träumte sich kurz in den Sommer hinein und fand sich mit einem warmen Engelwurz-Tee an der Weltenkiste wieder.

Ihr ging noch einmal das Bild aus ihrem Traum nach wie sie am Feuer saß und gleichmäßige Schrägstreifen zuschnitt – ein spannendes Bild.

6 Kommentare zu „Ein kleiner Wintertraum

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