Eine Blüte für das Jahr

Der Winterzauber schmolz schnell dahin. Nun stand die volle Mondin am Himmel, nahm Blaue Feder an, denn sehen konnte sie sie nicht, aber spüren. Sie verbarg sich hinter einer dichten Wolkendecke. Der letzte Vollmond in diesem Jahr, dieser 13., wird auch Heilmond genannt. So gab sie sich den Energien einfach hin.

Das goldene Blatt hatte Blaue Feder an ihre goldenen Ginkgo-Blätter erinnert. Sie hatte sie zwischen den Seiten des Telefon-Buches getrocknet. Ein paar legte sie ins Narrenkastle und was machte sie mit den anderen?

Als sie so im Atelier rumsaß, mit den Beinen baumelte und vor sich hinschaute, fiel ihr Blick auf eine Blüte, die sie im Herbst angefangen hatte zu weben. Das Springkraut hatte sie dieses Jahr sehr begeistert, auch Impatiens oder Altweiberzorn genannt.

Auch hatte sie ihren Schrank ausgemistet und dabei eine alte Jacke gefunden. Sie war schon sehr alt. Sie war zu ihr gekommen, als ganz junge Frau. Die Jacke erlebte wie sich ihre Haare mit Dauerwellen ringelten, wie sie sich mit Henna rot färbten und wie sie mit der Zeit immer kürzer wurden und grauer.

Sie fand sie einst zerknüllt in der Kleidertruhe einer Freundin und verliebte sich sofort in ihre Farben. Die Freundin schenkte ihr die Jacke. So war sie auch eine Erinnerung an die liebste Freundin, die in ein fernes Land zog. Verrückte Zeiten hatten sie zusammen erlebt. Sie trug sie gerne, wenn sie irgendwelche neue Ideen ausheckte. Es war wohl ihre Närrinnen-Jacke. Lange hatte sie die Jacke begleitet, doch nun waren die Ärmel verschlissen und der Stoff sehr dünn. Sie nahm ja gerne mal einen alten Stoff und machte etwas Neues daraus. Ihre Barbara-Zweige waren nicht erblüht, also webte sie sich eine eigene Blüte. Überhaupt mochte sie am liebsten Rituale, die sie selbst kreierte, die etwas mit ihr zu tun hatten, auch wenn sie manchmal etwas schräge waren.

Das Neue baut auf dem Alten auf. Die Erfahrungen des alten Jahres gaben ihr das Vertrauen in das Neue zu gehen. Denn aus ihrer Erfahrung wusste sie, es geht immer irgendwo weiter. Blaue Feder nahm also den alten Stoff und webte so die Grundlage für das Bild. Aus weiteren Stoffresten formte sie die Blüte. Sie hatte die Blütenform des Springkrautes abgenommen und sich ein Schnittmuster daraus gezeichnet. Mit der Blüte lud sie die Geduld in ihr Leben ein. Sie rahmte ihr Mandala mit bunten Steinen und holte sich die Fülle herein. Die Eule hatte sie durchs Jahr begleitet und ihr viele Federn geschenkt. Sie webte sie im Kreis hinein für die klare Sicht rundum. Sie nähte die goldenen Entenfuß-Blätter mit Perlmuttknöpfen auf. Knöpfe sind Küsse und stehen für die Liebe und das liebevolle Miteinander. Die goldenen Blätter strahlten für sie Wärme und Mitgefühl aus.

Die volle Mondin im Krebs hüllt uns in ihre weibliche Energien. Ein Mondenjahr neigt sich dem Ende. Die Sonne im Steinbock steht dem Weiblichen versöhnlich gegenüber.

Es gab ein kleines Märchen aus Japan zum Gingko-Baum.

Sakura und der Ginkgobaum‘

Im Märchen wohnt ein junges Mädchen namens Sakura und ein alter Mann am Fuße eines Ginkgobaums. Mit der Pubertät lernt Sakura das Flötenspiel und spielt für einen wunderschönen Jungen. Als dieser zum Mann wird, gehen beide gemeinsam in den Ginkgobaum hinein, mit dem sie verschmelzen. Sakura wird als „Nymphe vom Ginkgobaum“ verehrt, und der alte Mann verlässt die Szene.

So wirkte Blaue Feder ihr Mandala für das Jahr. In die Blüte setzte sie noch eine Perle für Worte der Liebe wie bei der Entengöttin Sequana. Es ist das Weibliche, das uns lehrt, unserer eigenen Stimme zu folgen.

Erst hatte sie gedacht, was webst Du denn da schon wieder. Nun freute sie sich über ihr kleines Mandala. Brauner Bär fand, es sah aus wie eine Blumen-Uhr. Wer weiß, vielleicht war es eine Blumen-Uhr, vielleicht auch eine Blüte für das Jahr. Das Mandala erinnerte sie auch an eine Yoni. Es ist das, was wir darin sehen. Sie freute sich nur, dass es nun in ihrem Atelier hing. Einst träumte sie, es würden Blüten aus ihrem Stoff wachsen. Nun war es geschehen.

– Der Blog setzt nun selbst ihrem Wirken hier ein natürliches Ende. Nachdem sie das ‚Z‘ auf der Buche geflissentlich übersehen hatte und munter weitergeschrieben hatte, hat er nun sein Fassungsvermögen erreicht. Alle Blätter an ihrem Geschichtenbaum sind beschrieben. Nun konnte Blaue Feder ein paar Blätter pflücken für einen grünen Salat, ein paar Blüten für einen schönen Tee oder ein paar Früchte ernten für einen leckeren Kuchen. Vielleicht ging sie auch ins Atelier und schaute noch ein wenig ins Narrenkastl. Der Möglichkeiten gab es viele. Es bleibt ihr hier nur ‚Tschüss‘ zu sagen und Danke fürs Lauschen.

Kommt gut ins neue Jahr!

12 Kommentare zu „Eine Blüte für das Jahr

  1. Liebe Susanne, während ich dein feines Mandala betrachte und seiner Entstehungsgeschichte lausche, wird mir ganz ruhig und rund ums Herz. Danke – und weiterhin viel Schaffenskraft! Du bleibst der Blogosphäre doch hoffentlich erhalten!?

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    1. Liebe Maren,
      ein schönes neues Jahr wünsche Dir. Danke für Deine lieben Worte. -Ja, ich werde hier weiter meine Geschichten posten. Muss nur erst die Geschichten vom letzten Jahr pflücken und zwischen zwei Buchdeckel packen, damit hier wieder Platz ist. Dann geht es in Ruhe und mit Muße weiter.
      Herzensgrüße, Susanne

      Gefällt 1 Person

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