Die schwarze Krähenfrau

Es war kurz vorm Neumond. Ein eiskalter Wind zog durch das Tal der Ulra. Blaue Feder zog sich die Kapuze noch über die Mütze und die wollenen Handschuhe an. Es war diese feuchte Kälte, die durch jedes Garn zog. Es war die Zeit, wo sie sich lieber zuhause einkuschelte. Brauner Bär schenkte Blaue Feder eine Winterdecke, weil sie in letzter Zeit nachts oft fror. Noch bevor sie sie beziehen konnte, kam die Tigerin, fand sie ganz wunderbar, kuschelte sich ein und hielt ein Schläfchen.

Während die Tigerin schlief, ging Blaue Feder eine Runde. Die schwarze Fahne wehte im Wind. ‚YO HO HO HO‘ war drauf zu lesen. Es war nun an der Zeit loszulassen und sich zurückziehen. Grad jetzt, wo sie sich ausruhen wollte, stillwerden wollte, kamen von allen Seiten Angebote. Hier wollten Frauen die Rauhnächte zusammen begehen, dort gab es einen schönen Artquilt-Kurs. Es fiel Blaue Feder schwer, all diese schönen Angebote auszuschlagen und doch wollte sie jetzt gerne ins Nichts tauchen.

Am letzten Wochenende hatte sie noch an einem Retreat mit Tsültrim Allione teilgenommen zum Mandala der Fünf Dakinis. Huih, das war aufgregend – ein Online- Retreat mit Menschen aus der ganzen Welt – was mit dieser Technik alles möglich war! Sie musste nicht einmal nach Amerika reisen. Es berührte sie und doch war da hinterher diese Frage: Brauchte sie diese Praxis wirklich? Trug sie das Mandala nicht bereits in ihrem Herzen? Reichte es nicht wie bisher den Weg des Herzens zu gehen? Blaue Feder liebte es im Alter einfach.

Sie kam an einer Hecke mit schwarzen unbekannten Beeren vorbei und dachte bei sich:

‚Schwarze Bären-Zeit‘.

Blaue Feder ging hinaus ins offene Tal. Eine Krähe holte sie ab. Sie saß am Tor mit dem weißen und schwarzen Pfeiler und lud Blaue Feder ein, die Ulra zu besuchen. Blaue Feder schaute noch einmal zurück, was sie alles erlebt hatte in diesem Jahr. Da waren am Anfang die Gaben der Moormutter. Die Eule hatte sie das ganze Jahr begleitet. Sie hatte einen feinen Geschichten-Teppich gewebt, hier und dort hatte sie ein paar Kräuter näher kennengelernt und die alte Hasel. Sie war auch dem Altweiber-Zorn begegnet und hatte mehr oder weniger Geduld gelernt.

Blaue Feder sah in der Ferne die Krähenfrau über die Felder ziehen. Soviele Krähen hatte sie lange nicht gesehen. Sie dachte es wären Stare, doch es waren Krähen. Schwarz flogen sie über das Land, als wären sie Eine – die Krähenfrau.

Sie erzählte ihr von den Gesetzen, denen der Natur. Es war jetzt an der Zeit ins Schwarz zu tauchen, in die Leere und ins Nichts. Es gab keinen Halm mehr, an dem sich Blaue Feder festhalten konnte. Nun begegnete sie sich selbst. Wenn im Außen nichts mehr war, tauchte sie nach Innen. Sie ging durch den Weißdornhain und das alte Jahr blieb an seinen Dornen hängen.

Müde schlurfte Blaue Feder durch die Felder. Ihr war nach Winterschlaf. Hier und dort standen noch ein paar Wollknäule herum. Eng aneinander gekuschelt trotzten sie der Kälte. In den Wiesen saßen ein paar Graugänse. Sie tauchte in die schwarze Erde an der Ulra. Folgte dem Fluß der Zeit. Es gab gerade nichts zu tun, als zu Sein – ihr So-Sein anzunehmen.

Auf der anderen Seite sah sie wieder eine Schafherde. Wie aus dem Nichts liefen sie los. Lief ein Schaf los, folgten die anderen. Blaue Feder wünschte sich manchmal einen solchen Zusammenhalt. Aber irgendwie war sie grad anders unterwegs.

Ein einzelner Sperber machte auf sich aufmerksam. Da sah sie ein leuchtendes Licht im Grau sitzen. Weiß leuchtend saß dort ein Silbereiher – ganz still. Blaue Feder freute sich.

Sie kam zur alten Hasel. Eine Schlange schlängelte sich quer durch sein Geäst.

Sie war grad mehr wie der Kormoran unterwegs, der einzeln und allein auf seinem Baum saß und am Großen Mondsee seine Runden zog. Sie fühlte sich dabei nicht allein. Im Herzen angekommen, fühlte sie sich innerlich verbunden, auch wenn sie im Außen allein war. Sie fühlte sich verbunden mit den Zyklen der Zeit, den Gesetzen der Natur und eingebunden in ihrem Rhythmus.

Blaue Feder musste mal Pippi und schlug sich ins Gebüsch. Als sie sich niederhockte, saß da eine Schnecke auf einem verwelkten Blatt und riet ihr : ‚Mach langsam!‘


Die Schnecke erinnerte sie an Alice im Wunderland. Als die Hummer zum Tanze riefen und der Weißfisch zur Schnecke sprach:

‚Kannst du denn nicht schneller gehn? Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst du kommen zu dem Tanz?‘

‚Das gefällt mir doch nicht ganz. Viel zu weit, zu weit! ich danke – gehe nicht mit euch zum Tanz!

Nein, ich kann, ich mag, ich will nicht, mag nicht kommen zu dem Tanz!“

Blaue Feder mochte auch grad nicht mehr schneller gehen und nicht zum Tanze kommen. Alle Räder standen nun still, auch wenn da immer diese leise Angst war ins Nichts zu tauchen. Sie verabschiedete sich von der Schnecke und wünschte ihr ein gute Reise.

Da lächelten sie die Sterne vom Engelwurz an. Der Engelwurz war ihr dieses Jahr schon öfters begegnet. So richtig bekannt waren sie noch nicht. Vielleicht konnten sie sich im kommenden Jahr näher kennenlernen. Blaue Feder sah und staunte verbunden mit Himmel und Erde. Der Engelwurz erinnerte sie an ihre innere Führung, die sie immer passend zu den Pflanzen führten, die ihr grad etwas erzählen wollten und zu den Tieren.

Die ganze Runde stand der weiße Reiher in den Wiesen. Blaue Feder beobachte ihn und er sie. Sie ging ihre Runde und er stand die ganze Zeit still im Mittelpunkt – im Mittelpunt des Rades. Er stand weiß leuchtend in ihrer Mitte. Sie, die in ihrer Mitte ruhte. Irgendwann würde sich das Rad weiterdrehen – doch nun stand es still.

In der Ferne sah Blaue Feder die schwarze Krähenfrau über das Land fliegen und bedankte sich für ihre Weisheit. Als Blaue Feder das Moor verließ, flog der weiße Reiher ins Moor. Blaue Feder sah kurz die Graue und freute sich. Wo der Weiße Reiher war, war die Graue nicht weit.

Im Dorf beim Rosenhaus, blühte noch eine letzte Rose. Im Garten der Töpferin sprossen immer mehr Pilze aus dem Boden. Blaue Feder geriet noch in einen Schwarm Schwanzmeisen und ließ sich noch einmal kurz wach kitzeln. Vielleicht, um noch diese eine Geschichte zu erzählen, von der Schwarzen Krähenfrau, bevor sie sich in ihre kuschelige warme Winterdecke hüllte, die Augen schloß und in einen tiefen Winterschlaf fiel.

11 Kommentare zu „Die schwarze Krähenfrau

  1. Die Krähenfrau und der Silberreiher, sie sind auch meine ständigen
    Begleiter…Deine Herzensworte haben mir heute morgen die Tür nach
    draußen geöffnet. Jetzt mache ich mich auf den Weg, mal schauen, wer
    da ist…Einen besinnlichen 3.Advent wünscht Dir sigrid

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