Die Wandelfrau

Fortsetzung ‚The Tri-coloured House‘ 22

In dieser Nacht schliefen sie gut. Der Ausschlag hatte sich verzogen. Es blieb ein Rätsel, was es mit dem Zimmer auf sich hatte.

Corrán Binne – Die Bergmulde

Am Morgen rief sie der Hornhead. Bevor sie zurückfuhren, wollten sie noch den schönen Ausblick vom Hornhead genießen. Da sich in Irland keiner an die Schilder hielt, beachteten nun auch Blaue Feder und Brauner Bär ganz irisch das Schild ‚Closed Road‘ nicht weiter. Sie fuhren hinauf auf den Hornhaed, vorbei an ein paar Bauarbeiter, die wohl auch dachten: ‚Bekloppte Touristen!‘

Die Nebelfrau hatte sich über den Hornhead gelegt. Sie sahen die Hand vor Augen nicht. Blaue Feder hatte heute, einem inneren Impuls folgend, den Fingerhut in die Hosentasche gesteckt. Sie hielten oben auf dem Berg und gingen ein paar Schritte. Sie hörten die Brandung, aber konnten die Klippen und das Meer nicht sehen. Sie sahen kaum etwas – nur einen Gedenkstein für jemanden, der in die Tiefe gestürzt war. Blaue Feder sagte dann zu Brauner Bär, es sei viel zu gefährlich, hier weiter zu gehen. Also gingen sie zurück zum Auto.

Auf dem Rückweg war nun tatsächlich die Straße gesperrt, weil die Bauarbeiter die Straße teerten. Die Bauarbeiter lachten die Beiden an und schickten sie wieder den Berg hinauf mit den Worten: ‚Von dort oben habt ihr einen schönen Ausblick!‘, wohl wissend, dass dort oben nur Nebel war.

Sie mussten also wieder zurück und im Schritttempo noch einmal durch den Nebel über den Berg fahren. Sie waren heilfroh, als sie auf der anderen Seite des Berges unten in Dunfanaghy ankamen. Auf den Schrecken gönnten sie sich erst einmal ein zweites Frühstück. Als Blaue Feder in ihre Hosentasche griff, merkte sie, der Fingerhut war verschwunden. Der Hornhead hatte sich den Fingerhut geholt. Es war ihr Geschenk an den Berg, dass er sie wohlbehalten wieder ausspuckte.

Als sie sich etwas erholt hatten, schlenderten sie noch ein wenig durch Dunfunaghy. Es gab eine kleine Galerie. Dort kaufte sich Blaue Feder ein Bild von einer Woll-Künstlerin mit einem Einhorn drauf. Es hieß ‚Wild West‚.

Nun machten sich die beiden auf den Weg nach Belleek. Sie wurden freudig begrüßt und bewirtet. Den Abend wollte ihre Schwägerin zu einem Gebet in ein Franziskanerkloster. Blaue Feder und Brauner Bär begleiteten sie. Das Kloster lag an einem atemberaubend schönen Strand in Rossnowlagh.

Ros Neamhlach – ‘Heavenly Headland’

Sie fühlten sich wie im Himmel, spiegelte sich der Himmel auf dem flachen Strand in Rossnowlagh.

So begegneten sie an diesem Tag der Wandelfrau. Die Wandelfrau erzählt uns von den Wandelzeiten. Am Morgen noch eingehüllt im dichten Nebel auf dem Hornhead, fanden sie sich am Abend in einem Himmelreich auf Erden wieder.

So far…

Soweit hatte Blaue Feder ihre Geschichten geschrieben. Es gab noch vier weitere Bilder, vier weitere Strophen ihres Reiseliedes auf dem Wild Atlantic Way. Den Faden würde sie mit der Zeit weiterspinnen.

Vielleicht passte es ganz gut mit der Wandelfrau hier zu pausieren, leben wir gerade in einer Zeit, die sich wandelt. Es gibt Zeiten, da wandeln wir im Nebel – wir werden vorsichtiger, umsichtiger, achtsamer und sind verunsichert. Grad noch fühlten wir uns unsterblich und werden uns dann unserer Sterblichkeit sehr bewusst. Im Nebel werden wir auf uns selbst zurückgeworfen. Wir empfinden Mutter Erde vielleicht als einen unsicheren Ort, doch sind wir es selbst, die unsicher sind. Im Nebel sehen wir, wie verwundbar wir sind; der Mensch an unserer Seite und die Lieben um uns herum. Wir reichen uns die Hände und sorgen uns um ihr Wohl. Es ist nicht schlimm unsicher zu sein. Es macht uns weicher, mitfühlender und menschlicher. Die Welt wird klein und überschaubar. Wir sehen was wesentlich ist, wie lebenswert unser kleines Leben ist, so kostbar wie ein Fingerhut.

Blaue Feder stand in einer alten Tradtion, in der Fingerhüte von Generation zu Generation weitergeben wurden; Fingerhüte, die uns wohlbehütet durch das Leben begleiten. Sie lernte auf dieser Reise loszulassen. Manchmal hatte sie Bilder, Wünsche und Vorstellungen, aber letztendlich entschied sie sich immer für das, was dem Wohle ihrer Liebsten und auch ihrem eigenen Wohl diente. Und so schön und spannend diese Reise durch Irland war, war Blaue Feder genauso gerne zu Hause in ihrem ‚Tri-coloured House‘.

Dieses Jahr war nicht einfach und doch fand Blaue Feder ein Gefühl der Dankbarkeit in sich. Mit diesem Gefühl ging sie nun in die stille Zeit, folgte den ‚Halkyonischen Tagen‚ vom Neumond zum Vollmond.

Schaute sie in die Sterne, sah sie zur Wintersonnenwende zwei Planeten vom Steinbock in den Wassermann schreiten und sich dort inniglich umarmen. Hoffentlich haben Jupiter und Saturn bei soviel Nähe Masken auf. Ein Zeichenwechsel bringt immer einen neuen Impuls ins Spiel. Ein neuer Zyklus beginnt. Einige sagen, es sei die gleiche Konstellation wie beim Stern von Bethlehem. Ob dem so war, konnte Blaue Feder nicht sagen. Bei ihrem Rückblick auf das Jahr erinnerte sie sich nur, im Frühjahr schon einmal ein liebevolles Miteinander gespürt zu haben. Da hatte die weise Alte schon einmal kurz den Herrn Wassermann besucht. Da gab es eine kurze Phase, wo sich die Menschen die Hände reichten. Es fühlte sich schön an. Vielleicht gab der Stern der Freude diesem Stell-Dich-Ein nun noch die gewisse Würze. Wir werden es erleben.

Blaue Feder würde einfach die Tage ihrem Stern der Freude folgen, in die Stille tauchen und ihr Herz öffnen für die Wunder, die diese Tage für sie bereit hielten.

Es gibt in Irland ein Sprichwort.

‚Ni mar a siltear a bi tear.‘ – es heißt so viel wie ‚Nichts ist wie es scheint.‘

In diesem Sinne wünscht die Blaue Feder eine besinnliche Zeit und bis gleich…

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