Die Wollsammlerin

Der Tag war grau im Tal der Ulra, hier und dort ein wenig Schneeregen – eine leise Ahnung von Winter. Blaue Feder hatte sich ein Feuer angezündet und las ein Buch. Es hieß ‚Bis zum 13. Mond‘. Es handelte von einer jungen Frau und Heilerin in der Stein-Zeit. Am Abend blinzelte dann noch die Sonne über dem Krähenwald hervor. Blaue Feder ging ihren Feenbaum besuchen und brachte den Vögeln des Waldes ein paar Körner. Ein Rotkehlchen begleitete sie.

Als die Krähen von ihren Futterplätzen zu ihren Schlafplätzen zogen, ging auch Blaue Feder wieder heim. Am Ostroher Tannenbaum leuchteten schon die Lichter.

Schon seit einiger Zeit machte ein Baum immer wieder auf sich aufmerksam. Zuerst fand Blaue Feder seine Woll-Puschel am Schlangensee. Dann begegnete sie dem Baum auf dem Alten Weg, als sie mit der Freundin unterwegs war. Nun traf sie wieder diesen Baum im Wilden Wald. Sie vermutete, es war eine Art Weide. Sie nannte diesen Baum nun einfach ‚Woll-Weide‘.

Seine Woll-Puschel erinnerten sie an den Clan der Wollsammler. Schon lange einmal hatte sie von der Wollsammlerin erzählen wollen.

Die Wollsammlerin ist eine Hüterin der Erinnerung. Sie sammelt in ihrem Hut Erinnerungsfäden und spinnt sie zu einem neuen Teppich. Wie eine Spinne spinnt sie den Faden Runde um Runde zu einem Netz. Sie webt einen Teppich für sich und für andere. Während sie ihren Weg geht, spinnt sie ihren Faden.

– Ja, sie spinnen. Schon als Kind wird Hütern der Erinnerung gesagt, sie würden spinnen, weil sie die Welt anders wahrnahmen. Sie tragen einfach einen Hut, den andere manchmal nicht verstehen. Sie verdrehen Zahlen und Wörter und geben ihnen einen neuen Sinn. Wer genau lauscht und in sein Herz horcht, der versteht die Botschaft, wer es nicht tut, denkt, der oder die sei doch verrückt. Ja sie sind verrückt, die Wollsammler – sie sammeln Erinnerungen zwischen den Zeilen, denn sie können zwischen den Zeilen lesen. Sie hören nicht die Worte, die gesprochen werden, sondern sie achten auf die Melodie. Sie hören die Stimmungen, die Stimmen dahinter und können sie deuten. Sie machen sich ihr eigenes Bild und folgen ihrer Wahrheit. Sie sprechen mit den Hunden und Katzen und fliegen mit den Vögeln.

Wenn Du einer Wollsammlerin begegnest, dann lausche ihren Geschichten. Sie hat viel zu erzählen. Sie ist oft schüchtern und zurückhaltend. Doch wenn es sich ergibt und der Raum im Licht erstrahlt, dann fließen die Worte nur so aus ihr heraus. Tauche ein in diesen Fluss und lass Dich tragen zu einem Ort schöner, als Du es Dir erträumen vermagst – einen Ort der Freude, der Liebe. Mit ihr kannst Du über die Regenbogenbrücke gehen und Dein Herz erforschen. Sie ist eine Forscherin und sie lernt aus ihren Erfahrungen. Sie braucht keinen Lehrer mehr. Die Natur ist ihre Lehrerin und sie ist angekommen in ihrem Herzen.

Bist Du je einer Wollsammlerin begegnet? Schau den Menschen in die Augen. Wenn die Sterne darin funkeln, dann steht eine Wollsammlerin vor Dir. Wenn Dir ein Mensch begegnet, durch den es lacht, der einen Schalk im Nacken sitzen hat, dann könnte es gut ein Wollsammler sein. Meist kannst Du ein Leuchten wahrnehmen, ganz zart oder einen Duft, den leichten Duft von Wollgras.

Wenn Du Glück hast, holt sie, oder auch er, eine Geschichte aus dem Hut. An der hast Du dann lange zu kauen, aber sie macht satt und füllt Dich. Sie macht Dich rund und glücklich und zufrieden – fett, frech und fröhlich – sozusagen.

Vielleicht bist Du selbst eine Wollsammlerin. Hast Du Dich schon einmal gefragt, warum so viele Fäden aus der Deiner Tasche hängen? Nimm die Fäden auf, schau sie Dir an. Was sind das für Wollfäden? Es sind Deine Wollfäden. Es ist Deine Geschichte. Nimm sie ernst und doch nicht zu ernst. Folge ihnen mit einem Lächeln im Herzen und ehe Du Dich versiehst, verdrehst auch Du die Worte und die Zahlen und sie ergeben mehr Sinn als jemals zuvor.

Ja, so ist es, wenn man einmal anfängt Erinnerungsfäden zu Sammeln. Es ist eine lebenslange Beschäftigung. Aber eins kann Blaue Feder Dir sagen: es wird Dir nie langweilig. Jeder Faden birgt eine neue Geschichte, eine Erinnerung, die im Hut gesammelt werden kann und vielleicht einmal erzählt. Der Clan der Wollsammler ist so klein wohl nicht. Mit der Zeit triffst Du sie, die, die ein Wollknäul in der Tasche tragen oder unter ihrem Hut. Man grüßt sich freundlich und ein Lächeln huscht über das Gesicht.

9 Kommentare zu „Die Wollsammlerin

  1. Liebe Susanne, ich bin entzückt von der Wollsammlerin, den Fäden,
    die aus ihrer Tasche hängen, die spinnt…ein ganz wunderbares Bild! DANKE ,
    und von Herzen eine gute Woche für Dich! sigrid

    Gefällt 2 Personen

    1. Oh-ja, vielleicht war es Deine RoteFadenFrau, die mir zuraunte, die Geschichte mal aus der Schublade zu holen und abzustauben. Sie steht ja noch auf meinem Altar. Ja, Deine RoteFadenGeschichten mag ich sehr. Mich inspirierte wohl damals eine Geschichte von Patti Smith aus ihrem Buch ‚Die Traumsammlerin‘ – ein wahres Kleinod, stehen sich Traumsammler und Wollsammler sehr nahe. Drücke Dich

      Gefällt 1 Person

      1. Von Patti stehen hier schon zwei Bücher, ich glaube bald kommt ein drittes dazu 😊 I make a wish.
        Danke für den Tipp und grüße die Rotefadenfrau von mir (ich weiß, dass sie es gut bei dir hat) und natürlich die Wollfrau ❤️

        Gefällt 1 Person

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