‚Schneeweißchen und Rosenrot‘

Eine kleine Geschichte ging Blaue Feder doch noch nach, als sie gestern den Hof schmückte. Mit Emil, dem Bären, waren auch zwei alte Puppen mit auf den Hof gekommen. Auch ein Geschenk des Alten Vaters. Immer wenn Blaue Feder an ihnen vorbeiging, dachte sie an ‚Schneeweißchen und Rosenrot‚. Was hatte es mit dem Märchen auf sich?

Gestern fuhren Brauner Bär und sie zum Markt nach Heide. Blaue Feder sah einen Stein mit einem Bären darauf. Einen Meilenstein, der davon erzählte, wie weit Berlin von Heide entfernt liegt – 408 KM. In der Nacht träumte sie von einer Kolonne mit seltsamen Gefährten, die von Süden nach Berlin zogen. Sie fuhren langsam, denn es schneite. Ihr Traum erinnerte sie noch einmal an das Märchen.

Was wollte die Geschichte von ‚Schneeweißchen und Rosenrot‘ Blaue Feder erzählen?

Schneeweißchen und Rosenrot sind Schwestern, die in Liebe miteinander verbunden. Sie leben gemeinsam im Haus ihrer Mutter.
‚Rosenrot sprang lieber in den Wiesen und Feldern umher, suchte Blumen und fing Sommervögel; Schneeweißchen aber saß daheim bei der Mutter, half ihr im Hauswesen oder las ihr vor, wenn nichts zu tun war. Im Winter zündete Schneeweißchen das Feuer an.‘

Die Weiße bleibt im Winter im Haus und schürt das Feuer, die Rote ist springt im Somme durch die Wiesen. Benannt sind die Kinder nach zwei Rosenbäumen im Garten ihrer Mutter.

Oft liefen sie im Walde allein umher und sammelten rote Beeren, aber kein Tier tat ihnen etwas zuleid, sondern sie kamen vertraulich herbei: das Häschen fraß ein Kohlblatt aus ihren Händen, das Reh graste an ihrer Seite, der Hirsch sprang ganz lustig vorbei, und die Vögel blieben auf den Ästen sitzen und sangen, was sie nur wußten.

Beide leben in innerer Verbundenheit mit der Erde und der Natur.

Auch der Bär ist ein altes Symbol der Kraft der Erde. Er sucht sich das Haus der Mutter als Höhle für seinen Winterschlaf aus. Das Haus der Mutter ist die Erde. Die Mutter ist die schwarze dunkle Nacht, die Höhle, die Ge-Bär-Mutter, in der das neue Licht zur Wintersonnenwende geboren wird.

Er wird von der Mutter auch gleich erkannt und freudig eingelassen. Der Bär durfte sich ans wärmende Feuer legen und die Mädchen klopften ihm den Schnee aus dem Pelz. Von nun an ließen die Kinder den Bär tagsüber hinaus in den Wald und abends kehrte er wieder zurück.

Doch im Frühjahr musste der Bär das Haus verlassen. Da er seine Schätze vor einem gierigen Zwerg hüten muss. Er nimmt Abschied von Schneeweißchen und Rosenrot und sagt: ‚Ich muß in den Wald und meine Schätze vor den bösen Zwergen hüten: im Winter, wenn die Erde hartgefroren ist, müssen sie wohl unten bleiben und können sich nicht durcharbeiten, aber jetzt, wenn die Sonne die Erde aufgetaut und erwärmt hat, da brechen sie durch, steigen herauf, suchen und stehlen; was einmal in ihren Händen ist und in ihren Höhlen liegt, das kommt so leicht nicht wieder an des Tages Licht.‘ Als der Bär das Haus verlässt, reißt er sich ein Stück Pelz an der Tür ab und da ist es Schneeweißchen ‚als hätte es Gold durchschimmern gesehen‘. Im Gold spiegelt sich die weise Bewusstseinskraft des naturverbundenen ‚Wilden‘ wider.

Was hat es nun mit dem Zwerg auf sich? Zunächst einmal sind Zwerge wohl kleine Wesen, die meist unter der Erde leben. Das Reich der Zwerge liegt also meist im Erdinneren, wo sie die Schätze hüten. Es wird oft erwähnt, dass sie sehr stark und zauberkräftig sind. Auch sie lieben die Natur und sind mit ihr sehr verbunden. Warum also wird dieser Zwerg als ‚böse‘ bezeichnet?

Nach einiger Zeit sahen die Töchter beim Reisigsammeln im Wald einen Zwerg, der sich beim Spalten eines Baumes seinen ellenlangen schneeweißen Bart eingeklemmt hatte und mit eigener Kraft sich nicht befreien konnte. Er glotzte die Mädchen mit roten feurigen Augen an und schrie: ‚Was steht ihr da! Könnt ihr nicht herbeigehen und mir Beistand leisten?‘ Die hilfsbereiten Kinder gaben sich alle Mühe, den Bart herauszuziehen, aber er steckte zu fest. Daraufhin holte Schneeweißchen ein Scherchen aus seiner Tasche und schnitt das Ende des Bartes ab. Der befreite Zwerg griff sofort nach einem Sack voll Gold, der zwischen den Wurzeln des Baumes steckte und brüllte die Mädchen an: ‚Ungehobeltes Volk, schneidet mir ein Stück von meinem stolzen Bart ab.‘ Dann schwang er seinen Sack auf den Rücken und verschwand.

Die Mädchen begegnen ihm mehrere Male und helfen ihm, obwohl er sie jedesmal beschimpft. In der Geschichte ringt der Zwerg mit einem Wesen der Erde, einem Baum, einem Wesen des Wassers, einem Fisch und einem Wesen der Luft, einem Vogel. Deutlich zu erkennen sind die Elemente. Blaue Feder scheint es wie eine Prüfung, die Schneeweißchen und Rosenrot zu bestehen haben und jedesmal schneiden sie ihm ein Stück von seinem Bart ab. Der Zwerg verliert so Stück für Stück seine Kraft und seine Weisheit, während die Schwestern sie erhalten. Beim vierten Treffen, als der Zwerg seine Schätze zählt, wird er ‚zinnoberrot vor Zorn‘. Der Zorn wie auch die rote Abendsonne verweisen auf das vierte Element, das Feuer. Nun eilt den Schwestern der Bär zur Hilfe und erschlägt den Zwerg.

Warum muß der Zwerg sterben? Blaue Feder erinnert es an die Natur, die sich nun zurückzieht. Wenn sich die äußeren Schätze zurückziehen, ziehen auch wir uns ins Haus zurück und gehen mehr nach Innen. Wenn es draußen still wird, dann werden auch wir still und lauschen in uns hinein. In der dunkelsten Zeit des Jahres folgen wir einem inneren Weg. Tief in der Nacht, der Mütternacht, wird dann das neue Licht geboren, finden wir den Schatz in uns, die Liebe in der Höhle unseres Herzens.

Nun erkennen auch die Mädchen den Bären. Damit ist auch der Zauber des Bären gebrochen. Die Bärenhaut fällt ab und ein schöner Mann ganz in Gold gekleidet steht vor den Mädchen. ‚Schneeweißchen ward mit ihm vermählt und Rosenrot mit seinem Bruder‘.

So feiern wir wohl zwei Hoch-Zeiten im Jahr. Blaue Feder sah Schneeweißchen ihre Hoch-Zeit mit dem Königssohn zur Wintersonenwende feiern und sie sah Rosenrot ihre Hoch-Zeit mit dem Bruder zur Sommersonnenwende feiern. Blaue Feder dachte an ihre ‚Rote-Bären-Zeit‘ im Sommer und die ‚Halkyonischen Tage‘ im Winter. So folgte sie dem Jahreslauf in diesem Märchen. Sah wie auch Zwerg und Bär eng miteinander verbunden waren.

Schon beim Schreiben sah Blaue Feder Bezüge zu den Geschichten, die sie in diesem Jahr geschrieben hatte. Das war nun ihre Auslegung. Ob das so im Sinne des Erfinders war, wusste sie nicht. In ihrem Herzen gab es schon noch einige Fragen. Vielleicht würde sie es mit der Zeit mehr verstehen. Erst einmal war wie ein guter Rat, sich jetzt mehr dem inneren Weg zuzuwenden.

Was sich in stiller Meditation offenbaren kann, kann sich wohl auch in sternenklarer Nacht, in der Natur und in Augen der Menschen offenbaren.

Dieses Jahr nun standen ‚Schneeweißchen und Rosenrot‚ zusammen mit dem Bären auf der Diele. Vielleicht würden sie in der stillen Zeit Blaue Feder noch ein bisschen mehr erzählen.

Der Ringzauber zeigte schon langsam seine Wirkung. Blaue Feder fiel mehr und mehr aus der Zeit. Doch erinnerte sie sich an den 4. Dezember, den Tag der ‚Borbeth‘ oder ‚Barbara‘.

In der Geborgenheit ihres wärmenden Schoßes tauchte sie in die Anderswelt.

Im Tal der BroklandSau oder wollte sie lieber sagen Im Tal der ‚Ulra‘ und ihren alten Namen wiederbeleben, regnete es. Gestern war schon ein Hauch von Schnee ins Tal geweht. Blaue Feder hüpfte kurz in den Garten und bat ihren kleinen Apfelbaum um einen Zweig. Als sie unterm Apfelbaum stand, sah sie sich kurz auf der Apfel-Insel stehen – wie einst in Irland. Nun hockte sie mit großen Augen vor ihrem Zweig und schaute, ob er in der Wärme des Hauses erblühte und tauchte wieder in ihre Elfen-Geschichte.

Blaue Feder wünscht Euch einen schönen 1. Advent!

4 Kommentare zu „‚Schneeweißchen und Rosenrot‘

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