Spindel-dicke Deern

Heißt es nicht ’spindel-dürr‘? Nun, ‚dürr‘ war Blaue Feder wohl nicht!

Ihr fiel ein altes Lied ein:


Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirn,
geh’n wir in den Garten, schütteln wir die Birn‘.
Schüttel ich die großen, schüttelst du die klein’n,
wenn das Säckchen voll ist, geh’n wir wieder heim.

Die Sonne schien und ‚Spannenlanger Hansel und Nudeldicke Dirn‘ machten einen Sonntagsspaziergang. Sie gingen den Rundweg zur Alten Färberei.

Apropos ‚Färberei‘ – Blaue Feder hatte ihr Färberpflanzen-Projekt ins kommende Jahr verlegt. Nachdem ihre Stecklinge den Schnecken zum Opfer gefallen waren, hatten sie noch zwei Hochbeete angelegt. Mal sehen, welche Pflanzen den Winter überstehen.

Beim Rotwild machten sie einen Halt und bewunderten zusammen mit Pelle und ‚Sine Fru‘ den stattlichen Hirsch und seine Bande. Blaue Feder hatte immer ein doofes Gefühl, wenn sie sie anschaute. Es war eine Zucht und sie würden Weihnachten irgendwo auf einem Teller neben dem Rotkohl landen. ,Blaue Feder fragte ‚Sine Fru‘ endlich nach ihrem Namen. ‚Sine Fru‘ hatte auch den Bericht im Dörpsblatt gelesen und da sie kunst-interessiert war, luden sie sie ein, mal reinzuschauen ins Atelier HofArt.

Sie bestaunten noch eine Hornisse. Hornissen sahen sie nicht mehr so häufig und sie stehen unter Naturschutz. Sie faszinieren durch ihre Größe, doch sind sie eher friedvolle Kämpferinnen. Sie stechen meist weniger als Wespen und beeindrucken mehr durch ihr Auftreten. Wollte die Hornisse Blaue Feder etwas sagen? Manchmal machte sie sich kleiner als sie war. Manchmal war sie sich ihrer eigenen Kraft nicht so bewusst. Da tat es gut, wenn die Freundin ihr sagte, dass sie sie bewundere, weil sie immer dran blieb an ihren Ideen, bis sie umgesetzt waren. Schaute Blaue Feder zurück, stimmte das schon. Woher kam dieser Antrieb und wie sah es gerade mit ihrer eigenen Wertschätzung aus?

Sie gingen ‚ihre‘ Hofauffahrt enttlang. Sie nannten diesen Weg so. Eigentlich war es ein Weg von der Hauptsraße ins Dorf. Er war von beiden Seiten mit Eichen flankiert. Eine schöne ‚königliche‘ Hofauffahrt. Rechts und links säumte das Salomonsiegel den Weg, nun mit dunkelblauen Beeren. Diese Jahr wuchs hier extrem viel Salomonsiegel. Die Früchte bitte hängen lassen, sonst wird Euch schlecht.

Die Luft war klar und sie konnten weit blicken.

In der Ferne sahen sie einen Angler an der BroklandSau. Dort gab es wohl einen Weg an die Broklandsau, den Blaue Feder noch nicht kannte. Sie liebäugelte mit dem Weg, der entlang der BroklandSau führte. Brauner Bär merkte es und sagte, der Weg sei eine Sackgasse. Er wäre dort früher oft mit seiner Schwalbe langgebrettert.

Dann entdeckten sie einen ihnen unbekannten Strauch. Nachdem sich nun Blaue Feder erkundigt hatte, waren es die Früchte des Pfaffenhütchens, auch Spindelbaum genannt. ‚Pfaffenhütchen‘ weil die Früchte aussehen wie das Birett eines Geistlichen. Doch ahnte Blaue Feder noch mehr Geheimnisse. Sie würde noch einmal alleine herkommen, um sich mit dem Bäumchen bekannt zu machen. Dann könnte sie auch den Weg zur BroklandSau erkunden.

Die Mais-Göttin lag niedergestreckt auf dem Weg. Die Maisfelder waren abgeerntet und erinnerten ein wenig an Soldatenfriedhöfe.

In den Wassergräben setzten die Vergissmeinnicht ein kleines Denkmal gegen das Vergessen.

Sie besuchten eine kleine Wiese mit einer Buche, deren Laub sich schon wieder schön verfärbte. Hier standen oft Fliegenpilze im Kreis um eine alte Birke – dieses Jahr jedoch nicht oder noch nicht.

Die alte Färberei lag wie immer eingebettet in der grünen Landschaft und erinnerte an alte Zeiten.

Am Ende des Hohlweges entdeckte Blaue Feder eine Kastanie und nahm sich einen Handschmeichler mit auf den Weg. Allein ihn in der Hand zu halten, gab ihr Kraft, innere Ruhe und Selbstvertrauen.

Auf dem Heimweg auf dem Steenoben trafen sie eine weiße Taube mit Gefolge und fragten sich, ob sie aus der Voliere entflohen waren. Es gab im Dorf eine Voliere mit schönen Enten und Tauben. Blaue Feder hatte wieder dieses doofe Gefühl. Sie mochte einfach keine eingesperrten Tiere. Die weiße Taub, war fast so groß wie ein Huhn und schön anzusehen. Vielleicht hatte sie ihren Weg in die Freiheit gefunden.

Ein Blick in die Glaskugel verriet, dass sich die Wolken zusammenzogen. Auch der Hahn krähte es schon vom Zaun. Das Sonnenblumenfeld ließ die einstige Schönheit noch erahnen.

War es der Blick in die Glaskugel. Blaue Feder hatte den kommenden Tag, das Gefühl sie fand die Antwort auf eine Frage am Fluss. So fuhr sie noch einmal zu dem Spindelbaum. Sie liebte es neue Wege zu erkunden. Wie sollte es anders sein, wartete schon die Graue auf sie am Ufer der BroklandSau und zeigte ihr, wo sie ans Ufer gehen konnte – bei den Schafen, wo den sonst.

Lange stand Blaue Feder an der BroklandSau und schaute einfach seinem Fließen zu.

Blaue Feder lauschte der BroklandSau und der Fluss sang:

Fließe.

Das Leben ist ein langer, breiter Fluss.

Probiere aus, was sich für Dich stimmig anfühlt.

Du bist frei.

Blaue Feder fuhr den Weg durch das Tal der BroklandSau weiter und endeckte zwischen den Kühen ein paar Silberreiher.

Sie genoss den weiten Blick über das Tal.

Es ging Blaue Feder diese Tage nicht so gut. Sie war verunsichert. Alte Themen nagten an ihr. Sie fühlte sich wie in der Talsohle – Irgendwo im Nirgendwo. Wie ging es weiter? Sie wusste nicht wo dieser Weg hinführte. Die Sackgasse wie Brauner Bär sagte, endete auf einer grünen Wiese. Zu Fuß hätte sie weiter gehen können und sie ahnte schon die Lundener Niederung in der Ferne.

Sie entdeckte rechts und links des Weges einige Spindelbäume und taufte den Weg nun Spindelbaum-Weg. Sie drehte um und fuhr zurück zu dem Bäumchen vom Vortag.

Sie liebte dieses weite Tal.

Sie stellte sich dem Bäumchen vor und schloss die Augen und wurde begrüßt mit:

‚Hallo, spindel-dicke Deern!‘

Frau Spindelbaum war wohl zu Scherzen aufgelegt.

‚Öffne Deine Hände!‘

Blaue Feder bekam eine Spindel geschenkt.

Spinne Deinen eigenen Faden.

Wir können Dir nicht sagen, welchen Schritt Du gehen sollst.

Wähle Deinen eigenen Weg, spinne Deinen Lebensfaden und webe Deinen Lebensteppich.

Während Du Deinen Weg gehst, wirst Du spüren, ob es sich für Dich stimmig anfühlt.

Wir werden Dich bei all Deinen gewählten Schritten unterstützen.

Blaue Feder bedankte sich und fuhr irgendwie beruhigt nach hause.

Die Spindel ist im Wesentlichen ein Symbol der weisen Frauen und ein Attribut Weberinnen. Die Spindel ist so etwas wie unser ‚innerer Antrieb‚. Dieser ermutigt uns durch Impulse, unserer Intuition zu vertrauen und uns von ihr führen zu lassen. Manchmal hätte Blaue Feder wohl gerne jemanden, der ihr sagte, mach dies oder jenes, aber im Grunde machte sie sowieso immer, was sich für sie stimmig anfühlte. Die Spindel steht vielleicht auch für unsere innere Mitte, um die sich alles dreht. Es sind gerade herausfordernde Zeiten. Blaue Feder nahm sich immer wieder Auszeiten in der Natur, um wieder zu sich zu kommen.

In der Nacht träumte sie von ihrem Großen Bruder. Sie hatten, aufgrund ihrer Familengeschichte, keinen Kontakt. Im Traum war das manchmal anders. Heute Nacht trafen sie sich in der elterlichen Wohnung. Er kam mit seiner ganzen Familie. Blaue Feder nahm sie mit auf eine Traumreise und sie malten zusammen. Ihr Bruder gab ihr voller Wertschätzung einen Kuß auf die Wange. Blaue Feder wachte mit einem schönen Gefühl auf.

Manchmal sehen wir einen Menschen lange nicht und doch gibt es eine liebevolle innere Verbundenheit. Jetzt durften auch mal ein paar Tränen kullern. Wertschätzung war nicht gerade etwas, das Blaue Feder und ihren Brüdern mit in die Wiege gelegt worden war. Wenn man kein gesundes Selbstwertgefühl migebracht hat, ist es manchmal schwer, den eigenen Wert anzunehmen. Dabei sind wir alle vollkommen, so wie wir sind.

Gerade sitzt ein Rotkehlchen vor ihrem Fenster und singt:

Folge weiter Deinem Herzen

Die Mondin geht in eine neue Runde. Blaue Feder nahm sich heute Zeit ihr in Ruhe zu lauschen. Sie empfand die Energien gerade sehr herausfordernd. In der Natur ging es ihr am besten. Lasst es Euch gut gehen.

2 Kommentare zu „Spindel-dicke Deern

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