Ein Bad in Ulmen-Samen

Fortsetzung ‚The Tri-Coloured House‘ 10

Von einer Reise möchte Blaue Feder berichten, von einer Reise in das Land der Steine, einer Reise nach Irland. Doch wann beginnt eine Reise und wann endet sie? Alles davor und alles danach gehört wohl dazu.

So kann sie nicht von dieser Reise erzählen, ohne einer wunderbaren Frau zu gedenken. Wildes Herz war die Schwester vom Alten Vater. Im April feierte sie noch ihren 90. Geburtstag und verschenkte allerhand ihrer Habseligkeiten, um sich dann auf ihre letzte Reise zu begeben.

Blaue Feder schenkte sie ein kleines Tablett mit einer Anemone drauf. Erst wollte Blaue Feder es gar nicht haben. Doch Wildes Herz sagte: ‚Damit kannst Du Brauner Bär jeden Morgen seinen Kaffee bringen.‘ Blaue Feder dachte, das tat sie doch sowieso. So hatte sich Wildes Herz auf ihre Art und Weise in das allmorgendliche Ritual geschlichen. Jeden Morgen beim Kaffee dachten Brauner Bär und Blaue Feder nun an Wildes Herz und prosteten ihr zu. Dachten sie an sie, verbanden sie sich mit ihrer Lebensfreude und ihrer Energie. So lässt es sich gut in den Tag starten. Ein Dank geht an Wildes Herz für ihr wunderbares Geschenk.

Nur sieben Wochen später verstarb Wildes Herz ganz friedlich. Brauner Bär und Alter Vater begleiteten sie. Brauner Bär sagte, sie hätte ausgesehen wie ein wildes Mädchen mit verwuschelten Haaren. So hatte sie sich ihren Tod gewünscht. Sie war fit bis zum Ende und musste nicht groß leiden. Am Morgen, als dies geschah war eine Clematis in Blaue Feders Garten erblüht.

In jener Nacht wachte Blaue Feder auf und hatte den Eindruck, von Licht umgeben zu sein und ein Kübel Liebe wurde über ihr ausgeschüttet. Da wusste sie, nun war Wildes Herz gegangen. Blaue Feder war verwundert über die tiefe Verbindung zu Wildes Herz. Sie hatte sie nur dreimal im Leben getroffen. Doch hat das wenig zu sagen. Vielleicht sehen wir manche Menschen nur selten, weil sie einen tiefen Eindruck hinterlassen. Blaue Feder wurde in diesem Moment bewusst, dass nichts verloren geht. Jeder Mensch hinterlässt ein Geschenk auf dieser Erde. Über seinen Namen können wir uns mit seinem Wesen verbinden. Wildes Herz war eine Widdergeborene, hatte eine unbändige Energie und Lebensfreude. Sie war belesen, reiste gerne und sie sprach sehr viel. Das konnte manchmal nerven. Doch was sie sprach, berührte das Herz.

Am Morgen nach ihrem Tod war der Schwalbenhof eingeschneit mit Ulmensamen. Das war wohl der Kübel Liebe, den Blaue Feder in der Nacht wahrgenommen hatte. Es war ihr, als hätte Wildes Herz ihre Samen ausgeschüttet. Blaue Feder war noch nicht einmal bewusst, dass vor ihrem Haus eine Ulme stand. Sie hatte sie einfach nicht wahrgenommen. Von den Bäumen können wir lernen. Sie sind einfach da, schenken uns ihre Liebe und bewerten nicht.

Die Ulme

Blaue Feder war begeistert von den ganzen Ulmensamen und fing an sie zusammenzufegen. Dann erwachte das wilde Mädchen in ihr, das sich gerne wie im Herbst in den Blättern, in den Ulmensamen räkeln wollte. Sie schüttete alle Ulmensamen auf den Rasen und legte sich hinein. Die Ulmensamen knisterten um sie herum. Sie lag in einem weichen, zartes Bett aus Ulmensamen und über ihr der blaue Himmel. Sie kam sich meist etwas komisch vor, wenn sie solchen Impulsen folgte. Aber meistens setzte sich das wilde Mädchen durch und sie probierte es einfach aus. Hinterher machte es oft Sinn, auch wenn sich der Sinn im Unsinn erst später erschloß.

Wie im Schnee formte sie mit Armen und Beinen einen Ulmensamen-Engel. So entstand ihre „Ulmen-Frau“. Sie schmückte sie mit ein paar heruntergefallenen Blüten. Als sie ein paar Fotos machte, fiel ihr eigener Schatten auf die Ulmenfrau und sie wurden eins. Das war ein schöner Moment.

Später las sie, die Ulme war so etwas wie der Stamm-Baum der Frauen. Sie hieß auch ‚Elfenholz‘, was auf ihre Fähigkeit hinwies, den Kontakt zum Naturwesenreich zu ermöglichen und ‚Empfangen und Schenken‘ wieder im ausgeglichenen Maß zu praktizieren. Auf ihren Fotos lagen die Blüten im Schambereich und irgendwie war das so stimmig. Sie freute sich, dass sie ihren Impulsen gefolgt war.

Dann fegte sie die Samen zusammen und Brauner Bär kam nach Hause. Er meinte, das wäre ein guter Dünger und so gaben sie die Samen in den Kompost. So würden die Samen der Ulme dem Garten als Erde dienen, in der neues Leben erwachen konnte.

2 Kommentare zu „Ein Bad in Ulmen-Samen

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