Ein Schlehen-Kleid

Es war zur Zeit der Neuen Mondin. Im Traum war Blaue Feder bei bei einer alten Heilerin, die ihren Rücken abtastete. Sie sagte nur:

‚Lass die alte Seelenschau…‘

Was das wohl wieder bedeutete? Blaue Feder ließ dem Satz seine Zeit zu wirken.

Am Morgen saß eine Goldammer im Garten. Eine Stimme sagte:
‚Du erzählst ja Ammen-Märchen!‘

Blaue Feder hatte sich ihr ganzes Leben lang angeschaut, vieles aufgelöst und verarbeitet. War diese Seelenschau gemeint? Vielleicht kam etwas Neues?

Gleich nach dem Sonnenaufgang ging sie los. Sie hatte einen Weg zu einem verborgenen Waldstück entdeckt. Ob schon der Weißdorn blühte? Die Sonne lugte über das Dach. Auf dem Giebel saß Lisa Wippsteert und sie begrüßten sich.

Im Nachbargarten blühte ein Meer von Vergiß-mein-nicht. Blaue Feder liebte diese kleine Blauen Blümchen. Sie ging über die Allee zu den Woll-Knäulen. Ein Specht schnackte sie an, Salomonsiegel und Gundermänner winkten ihr zu.

Bei den Kühen gab es Nachwuchs. Nr. 90999. – Hast Du auch einen Namen? Friedolin, oh wie schön. Längs der Weide standen Fette Hennen und bezeugten es.

Als Blaue Feder um die Ecke bog, sah sie schon die weißen Blüten leuchten. Sie freute sich auf den Gang durch das weiße Blütenmeer. Vorher wollte sie noch den neuen Weg ausprobieren. Rechts von der Pferdeweide ging es hinein in den kleinen Wald.

Die Herren Gundermann lächelten und kleine weiße Glöckchen erklangen.

Als Blaue Feder um die Ecke bog, blieb sie vor Erstaunen stehe. Was für ein Anblick, der ganze Weg war mit hellgrünen Farnwedeln bedeckt. Welch eine Wohltat in dieses Grün zu blicken. Diese uralten Wächter des Neubeginn, die spiralig ihr Leben entfalten.

Ein alter großer Stein lag auf dem Weg. An ihm befand sich etwas, das aussah wie ein Schloß. Blaue Feder drehte am Schloß und trat ein.

Sie ging vorsichtig weiter, damit sie keine Farnwedel runter trat. Das Grün der Farnwedel ging über in ein grünes Meer von Maiglöckchen. Der Boden war bedeckt mit den Lilien der Täler. Noch blühten sie nicht, doch ihren Duft konnte Blaue Feder schon ahnen. Sie müsste noch einmal mit Brauner Bär hierherkommen – vielleicht an seinem Geburtstag. Da blühten sie bestimmt.

Hier lagen einige alte große Findlinge.

Blaue Feder erblickte eine grüne Wiese und unter einer Buche die Zeichen einer alten Zivilisation.

Blaue Feder schaute sich ein bisschen um. Zwei Eichelhäher gesellten sich zu ihr. Erst stellte sie sich mit dem Rücken an eine Birke und erinnerte sich an ihren Traum. Dann entdeckte sie einen großen alten Baum. Ihr kam in den Sinn, es könnte ein Silber-Pappel sein und sie stellte sich mit dem Rücken an den starken Baum und schloß die Augen.

‚Zieh Dein altes Kleid aus.‘

Blaue Feder zog ihr Kleid aus und stand nun nackig da.

Als Blaue Feder den Farnweg zurück ging, lag ein Altes Kleid am Wegesrand. Sie schaute es sich an – die alten Muster. Es war sicherlich einmal schön gewesen.

Sie hörte ein Pferd wiehern von der Beifuß-Weide.

‚Laß das Alte Kleid liegen.‘

Blaue Feder ging weiter und ließ das alte Kleid zurück.

Nun schritt sie durch den Gang der weißen Blüten. Was für ein Duft. Blaue Feder dachte, es wäre Weißdorn, der hier so schön blühte. Als sie direkt unter den Blüten stand, hatte sie den Eindruck sie bekam ein neues Kleid. Aber sie konnte es nicht so genau sehen.

Blaue Feder dachte, sie würde sich gerne von den duftenden Blüten einen Tee machen. Die Blüten könnte sie ja auf der Weißdorn-Wiese pflücken. Doch als sie zur Wiese kam, sah sie, der Weißdorn blühte noch gar nicht. Da wurde ihr klar, es war nicht der Weißdorn, der blühte, sondern der Schwarzdorn – die Schlehen. Die alte Holler sagte nur : ‚Ja, ja, so ist es.‘

Nun ging sie noch einmal zurück. Doppelt hält ja vielleicht auch besser und sie ging noch einmal durch den Schlehengang. Nun bekam sie ihr Kleid – ein Schlehenkleid. Alles um sie herum lachte und applaudierte.

‚Das ist ja wie eine Prüfung. Ihr wisst doch, dass ich es mit Prüfungen nicht habe.‘, sagte Blaue Feder lachend. ‚Ja, das wissen wir!‘, kam die Antwort.

Blaue Feder hatte ihr Leben lang Prüfungsängste gehabt und alle mündliche Prüfungen versemmelt. Das begann beim mündlichen Abitur und setzte sich weiter fort. Sie hatte ihr Biologie-Studium deshalb abgebrochen und sie hatte einige Ausbildungen ohne einen Abschluß. Es hatte sie ihr Leben lang verfolgt. Das war wahrlich nicht schön gewesen und nun war es egal. Sie musste sich nichts mehr beweisen.

Es war auch keine Prüfung. Sie wusste wie wohlwollend die Natur war. Es ging nicht um richtig und falsch. Es war einfach an der Zeit das Kleid des Alters anzuziehen. Die Schlehen, schwarz wie Ebenholz und weiß wie Schnee, halfen ihr bei diesem Schwellengang. Sie waren die eigentlichen Ammen, die Hebammen.

Hach, wie fühlte sie sich schön mit ihrem Schlehen-Kleid. Überall, wo sie lang ging, applaudierten die Blümchen. Die Sternmieren waren erwacht und klatschten. Der Löwenzahn strahlte und die Pferde schnaubten wohlwollend.

Blaue Feder ging heim, die Allee entlang und sagte: ‚Seht Ihr, mein neues Kleid!‘

Sie hatte sich ein paar Blüten von den Schlehen mitgenommen. Als sie bei dem Bäumchen bei den Schafen vorbeikam, fing ihre Hand mit den Blüten an zu pochen und nun wusste sie, das Bäumchen dort am Bach war auch ein Schlehenbaum.

Blaue Feder ging heim und kam an dem Ortschild vorbei und es erinnerte sie an die Geschichte mit dem Sonnenkleid, dem Mondenkleid und dem Sternenkleid. Ihres war ein Schlehenkleid.

Daheim brühte sich Blaue Feder einen Tee auf und wieder stieg ihr der wunderbare Duft in die Nase. Sie schloß die Augen. Eine Alte kam ihr entgegen und überreichte ihr einen Gürtel.

Blaue Feder fragte: ‚Was ist das für ein Gürtel?‘

‚Das ist Dein Gürtel.‘, kam die Antwort.

Blaue Feder erinnerte sich an den Gürtel, den sie einst auf einer Reise angefangen hatte zu weben im Kreise ihrer Clan-Schwestern. ‚Den Gürtel anlegen‘ bedeutet eine neue Würde anzunehmen. Mit seiner Kreisform war er ein Symbol der Kraft. Ein Symbol derer, die im Kreise wirken und sich bei den Händen halten. Für die, die allein und doch gemeinsam gehen.

– Sie schaute aus dem Fenster und sah Lisa Wippsteert auf der Straße lang spazieren. Im Augenwinkel sah sie ein zweite Bachstelze. Ach, wie schön, Lisa war nicht mehr allein.

Blaue Feder hatte auf dem Weg eine winzige Feder gefunden. Es stellte sich heraus, es war die Feder einer Goldammer. Sie würde sie heute an ihren Gürtel weben, denn sie erzählte gern ein Ammen-Märchen.

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