‚Kraut der lächelnden Mutter‘

Am Sonntag wurde auf dem Schwalbenhof nicht gearbeitet. Brauner Bär verzog sich in sein Atelier und Blaue Feder in den Garten. Schon die ganzen Tage lachten sie die Goldnesseln an. Die Goldnessel ist eine Taubnessel. Sie ist sozusagen die Schwester der Brennnessel. Sie heißt nicht Taubnessel, weil sie nicht hören kann, sondern weil ihre Blätter nicht brennen. Ihre Blätter sind sehr weich und schmeicheln der Haut. Gerade sitzen einige Tauben in Blaue Feders Garten und sie fragt sich, ob ihr Name auch mit der Friedensbringerin in Verbindung gebracht werden könnte?

Die Taubnessel kommt ganz anders daher, als die Brennnnessel. Sie mutet eher heiter an. Ihre weichen Energien passen zum Mond und zur Venus. Diese Schönheit hatte schon die Ostertage auf sich aufmerksam gemacht. Blaue Feder hatte im Garten gelegen und beobachtet wie die Hummeln in den Blütenkelchen der Goldnessel verschwanden. Taubnesseln werden in der chinesischen Literatur als ‚Kraut der lächelnden Mutter‘ bezeichnet, weil sie ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Sie werden auch Löffelblumen, Bienensaug und Zauberkraut genannt.

Es gibt sie in Weiß, Rot und in Gelb. Die weißen Taubnessel werden nur von Hummeln angeflogen. Bei den Goldnesseln können auch die Bienen naschen, weil ihre Kelche kürzer sind.

Am Sonntag schien die Sonne und Blaue Feder nahm ihren Schemel, ihr Skizzenbuch und ein paar Stifte und setzte sich zu den Goldnesseln. Sie setzte sich ins Buchen-Eck. Einst war das Buchen-Eck eine Jauchegrube, dann standen dort jahrelang Bauschutt-Container. Nun wuchs langsam eine Wiese und ein paar Kräuter hatten sich ausgesät. Längs der alten Mauer blühte jetzt die Goldnesseln. Blaue Feder setzte sich dazu und ihr fiel auf, dass auch die alte Holunder-Wurzel wieder frische Triebe bekam. Blaue Feder freute sich. Als sie so dasaß, fiel ihr auf, dass auf dem Boden ganz viele Bucheckern lagen und sie erblickte auch einen Buchen-Schößling. Mit einem Blick nach oben, wurden ihr die Buchen bewusst, die hier überall standen. So taufte sie das Eck nun ‚Buchen-Eck‘.

Dann zeichnete sie die Goldnessel so gut sie konnte. Sie stellte fest, das war gar nicht so einfach. Die Taubnessel war eine Lippenblütlerin mit tiefen Blütenkelchen.

Blaue Feder beobachtete wie die Hummeln auf der unteren Lippe landeten. Kleine braune Striche markierten die Landebahn. An den Seiten gab es Lappen, die stützten die Hummel, die mit ihrem Rüssel im Kelch den süßen Nektar naschte. Die Blume scheint wie für die Hummeln gemacht. Dabei drückte die Hummel wiederum mit ihrem Rücken an die Staubgefäße und Narbe. So besorgte sie die Bestäubung.

Es war die Silberblättrige Taubnessel, die sich hier ausgesät hatte. Blaue Feder fand es schön wie sich die sonnenfarbigen Blüten mit den silbermondfarbigen Blättern verbanden. Blaue Feder zupfte dann noch ein bisschen Gras im Eck und schaute, welche Kräuter sich angesiedelt haben. Dabei knickten ihr ein paar Stängel der Goldnessel ab und sie machte sich einen Tee davon. Sie könnte das mit dem Lächeln ja mal testen.

Der Tee roch süß und wohlig. Als sie ein paar Schlucke trank, sah sie sich selbst als Kelch im goldenen Licht. Ein Kelch wie sie ihn am Birkensee gefunden hatte. Der Kelch ist durch seine offene Schale, die empfängt, ein zutiefst weibliches Symbol. Wobei der Stiel wieder das Männliche symbolisierte – im Grunde wie bei der Stinkmorchel. Blaue Feder dachte auch an die bevorstehenden Mai-Feierlichkeiten mit dem Mai-Baum. Auch hier feiern wir die Verbindung des Weiblichen mit dem Männlichen. Blaue Feder sah das Gelb der Sonne sich mit dem Silber des Mondes verbinden. Die Venus war dabei die Vermittlerin. Die Liebe verband beide Seiten. Es tat ihr gut die goldene Flüssigkeit zu trinken und zuzuschauen wie das goldene Licht sich um sie ausbreitete.

Als Blaue Feder die Augen öffnete, saß auf ihrer Stuhllehne eine Blaumeise und sie musste lächeln. Die Energie war zart wie eine Blaumeise. Wobei Blaumeisen sehr mutig sind und sehr genau unterscheiden können, wovon eine Gefahr ausgeht. Sie sind auch meist die ersten an der Futterstelle. Blaue Feder beobachtete wie sie auf ihre zarte Weise den Spatzen die Stirn boten, die immer wieder ihr Haus besetzten. Blaue Feder kam in den Sinn, es ging um ‚Versöhnung‘.

Diese versöhnliche Wirkung hatte Blaue Feder schon im letzten Jahr erlebt, als die Meinungen ihrer Mitbewohner wie der Garten auszusehen hat, sehr auseinandergingen. Damals war es die Goldnessel, die alle begeisterte, sie wieder vereinte und ihnen ein Lächeln aufs Gesicht zauberte.

So schuf sie auf ihre ganz eigene Weise ein liebevolles Miteinander.

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