Der Stinkmorchel-Weg

Momentan lief Blaue Feder gerne mal durch das Dorf und schaute sich die Nester der Nachbarn an. Wann hatte sie schon mal Zeit dafür?

‚Am Nest kanns sehen wat vör een Vagel darin wahnt‘

Der Plattdeutsche Spruch stand an ihrer Scheune. Da war wohl etwas dran. Da gab es Elfen-Freunde, Eulen-Liebhaber, Pilz-Sammler, Bären-Fans, manche lieben Blumen und viele, viele Herzen.

In einem Garten standen Putten. Als sie dran vorbeiging, dachte Blaue Feder, das war nicht so ihres, obwohl die Spiegelung im Fenster ganz schön aussah.

Am nächsten Morgen brach Blaue Feder zu einer Runde auf. Sie wollte eigentlich einen alten Holunder-Baum besuchen, den sie neu gefunden hatte.

Als sie ums Haus ging, sah sie plötzlich einen Puttenkopf in ihrem Garten. Sie musste lachen. Natürlich fielen ihr ihre gestrigen Gedanken zu den Putten wieder ein. Doch wie kam nun dieser Putten-Kopf in ihren Garten und wer hatte ihn dort hingelegt?

Manchmal passieren hier solche Dinge, die sich Blaue Feder nicht erklären konnte. Würde sie dieses Rätsel lösen können?

Sie dachte über Putten nach und ihr fiel ein, dass sie als junges Mädchen einen Putten-Engel über ihrem Bett hängen hatte. Putten erinnern uns vielleicht daran, dass das Leben auch leicht sein kann. Sie verbinden den erwachsenen Menschen und seinem kindlichen Ich, das die Welt einst voller Freude und sorglos entdeckte.

Blaue Feder ging hinaus aus dem Dorf und beobachtete einen Buntspecht.

Dann stand ein Ei am Wegesrand. Blaue Feder hatte es wohl gerade mit Eiern. Wie heißt es so schön:

Omne vivum ex ovo – Alles Leben entsteht aus einem Ei.

Damit erschöpfen sich auch schon Blaue Feders Lateinkenntnisse. Von Weitem erinnerte sie das Ei auf seinem Stiel an eine Stinkmorchel. Sie hatte zum Neumond die Übung mit dem Kessel gemacht und in ihrem Kessel war eine Stinkmorchel. Warum bloß ausgerechnet eine Stinkmorchel? Manchmal sehen wir etwas, was wir nicht unbedingt haben möchten. Was hatte es bloß mit der Stinkmorchel auf sich? Wieder so ein Rätsel!

Blaue Feder hatte schon rausbekommen, dass die Stinkmorchel der Pilz des Jahres 2020 war. Sie war also voll im Trend. Eine Stinkmorchel besteht aus einem Ei, dem sogenannten Hexenei, aus dem dann der Ständer wächst und dem Pilz das Aussehen eines Penis verleiht. So war die Stinkmorchel vielleicht einfach ein Symbol dafür, wenn das Weibliche und das Männliche wie Ying und Yang zusammenfinden. Gerade standen sich zum Vollmond die Mondin in der Waage – einem Venus-Zeichen und die Sonne im Widder einem Mars-Zeichen gegenüber. Oppositionen sind solange für uns schwierig, bis sich die Gegensätze in uns zu Einem verbinden.

Das Hexenei kann man sogar essen, bevor der Pilz anfängt zu stinken. Noch gab es keine Stinkmorcheln, erst im Spätsommer wieder. Den penetranten Geruch der Stinkmorchel riecht man „meilenweit gegen den Wind“ und doch wird ihr im Volksglauben eine aphrodisiernede Wirkung nachgesagt und sie wurde Liebestränken beigemengt.

Blaue Feder ging am Geheimen See vorbei und hörte seltsame Geräusche. Der Lärm kam von Vögeln auf dem Geheimen See. Entweder waren sie im Liebesrausch oder sie brachten sich gegenseitig um. Blaue Feders Neugier war geweckt und statt zur alten Holler, ging sie den Weg zum Geheimen See. Da erinnerte sie sich, als sie diesen Weg das erste Mal gegangen war, stank er nach Stinkmorcheln und sie fiel in Liebe mit dem Geheimen See.

Von nun sollte er ‚Stinkmorchel-Weg‘ heißen.

Blaue Feder kam zu einer Stelle, wo es nicht ganz so steil hinunter ging. Ein Hase zeigte ihr wie sie den Hang hinunter kam. Heute war sie mutiger und sie rutschte auf ihrem Hosenboden den Hang hinunter. Ihr Körper kribbelte vor Freude. Es machte so Spaß etwas Neues auszuprobieren.

Am See war es zauberhaft. Sie setzte sich ins weiche Moos und lauschte. Die merkwürdigen Geräusche kamen von ein paar Reiherenten. Die waren wohl wirklich im Liebesrausch.

Blaue Feder saß einfach am See und beobachte wie sich die Sonnenstrahlen auf dem Wasser spiegelten.

Blaue Feder schaute sich noch ein bisschen am Ufer um, aber dann musst sie auch wieder zurück.

Im Wald blieb sie noch einmal stehen und lauschte dem Vogel- Konzert.

Heute ist Gründonnerstag.

Blaue Feder würde sich heute bestimmt eine Kräutersuppe zubereiten und sich zu den Gänseblümchen in den Garten setzten. Die Gartensaison ist eröffnet. Überall bauen schon die Vögel ihre Nester. Lisa Wippsteert hat sich irgendwie mit der Eule arrangiert. Sie thront wieder auf dem Dach. Nun sitzt die Eule dort, wo Familie Hausrotschwanz letztes Jahr genistet hat. Herr Hausrotschwanz hat Blaue Feder schon begrüßt. Er musste sich nun wegen der Eule einen neuen Unterschlupf suchen und ist nicht ganz so begeistert.

Manche Dinge verändern sich und andere bleiben gleich wie der ewige Streit zwischen den Blaumeisen und Spatzen um die Vogelhäuser. Blaue Feder ging einmal dazwischen und sagte: ‚Nun hört aber mal auf!‘ Momentan ist Ruhe im Karton -wer weiß wie lange. Auch wird es in diesem Jahr keine Osterfeuer geben, an denen wir uns gemeinsam versammeln. Zünden wir doch einfach die Feuer in unseren Herzen an. Dort, wo wir alle miteinander verbunden sind.

Das Frühlingsfest der Göttin Ostara steht vor der Tür. Im ganzen Dorf sind bunte Eier aufgehängt. Ostrohe ist eben nach dieser Frühlingsgöttin benannt.

Gerade schaut der Eichelhäher in ihr Fenster. Die Erdnüsse sind wohl alle. Na, dann geht sie jetzt mal raus, die Vögel füttern.

Blaue Feder wünscht Euch schöne Ostertage

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