Die Eule

Am Wochenende saß sie im Atelier und stickte an ihrer Eule.

Sie schaute aus dem Fenster und sah im Garten gegenüber ein Mädchen immer und immer wieder ein Rad schlagen. Das Mädchen erinnerte Blaue Feder an sich selbst. Sie hatte früher auch geturnt und hatte immer und immer wieder das Rad geschlagen. Sie beobachtete das Mädchen und sie wusste, sie übte ein freies Rad zu schlagen in der Luft. Es gelang ihr noch nicht ganz.

Blaue Feder war nun wohl 50 Jahre älter, als das Mädchen. Das Radschlagen ließ sie lieber sein. Aber sie wanderte immer noch durch das Rad der Zeit – Runde um Runde.

Blaue Feder hatte zu Samhain ihr Oma Elise gemalt. Auf dem Bild ihrer Oma war eine Eule zu sehen. Eine paar Tage später kam Blaue Feder nach Hause und begegnete in der Tenne einer Eule.

Oma Elise

Eine Schleiereule war in den Stall eingezogen und blieb den ganzen Winter. Sie blieb den ganzen Winter und Blaue Feder lauschte ihren Geschichten. Sie riet ihr, sich auf das Wesen-t-liche zu konzentrieren.

Wenn wir jung sind, haben wir sooo viele Träume. Wir wollen sooo vieles werden. Blaue Feder wollte als Kind werden wie die Lehrerin. Sie wollte Tänzerin werden, Sängerin, Forscherin, Ärztin und vieles mehr.

Vieles in ihrem Leben war dann ganz anders verlaufen, als sie es sich vorgestellt hatte. Oft lagen Steine auf ihrem Weg. Oft hatte sie sich von einem Traum verabschieden müssen. Oft begegnete sie ihren Illusionen und Vorstellungen.

Auf diesem, ihrem Weg, war sie – wie möchte sie sagen – zu einer einfachen Frau geworden. Tröstete sie jemanden, war sie eine Heilerin. Erzählte sie etwas, war sie eine Lehrerin. Sang sie, war sie eine Sängerin. Tanzte sie, war sie eine Tänzerin. Ging sie in die Natur, war sie eine Forscherin. Es war alles da, was sie sich je erträumt hatte – nur eben ganz anders.

Es gab auch das kleine Mädchen in ihrem Inneren, das freie Räder schlug. Wenn sie nicht Räder schlug, dann stickte, malte, schrieb oder tanzte sie.

Die Eule

Drei Monate hatte sie an der Eule gestickt. Nun war sie fertig. Sie nähte noch die Schlangensteine auf, die sie am Strand gefunden hatte. Eines Abends war die Eule verschwunden. Lautlos wie sie gekommen war, flog sie in die Nacht zurück. Blaue Feder und Brauner Bär sahen sie noch einmal wie zum Abschied im Schein der Abendlampe um das Haus fliegen. Am kommenden Tag fand Blaue Federn ein paar Federn im Garten. Sie wusste nicht, ob sie von der Eule waren, aber sie baumelte sie an ihr Bild. Ein Kauz hatte vor ein paar Jahren ein paar Federn dagelassen. Auch die heftete Blaue Feder ans Bild.

Das Sticken des Bildes hatte Blaue Feder etwas Geduld abgefordert. Manchmal hatte sie das Gefühl, es ging gar nicht voran. Wenn sie jetzt zurückschaute, merkte sie, dass sie in dieser Zeit vieles hinter sich gelassen hatte. Vieles hatte sie aussortiert. Sie hatte aufgräumt – im Außen und im Inneren.

Zum Neumond im Januar hatte sie sich hingesetzt, ein Feuer mit Neun Hölzern angezündet und war mit der Eule in den Wald zur Goldenen Quelle geflogen. Sie hatte aus der Quelle getrunken und darin gebadet. Sie wusste sie konnte jederzeit zu dieser Quelle reisen, denn sie war in ihrem Herzen. Diese Quelle ist in unser aller Herzen.

Sie hatte das Erlebte auf einen nachtblauen Stoff gemalt.

Nun hatte sie ein Bild, das sie an diese Quelle erinnerte und wenn sie sich davor setzte, tauchte sie in diese Quelle, aus der Milch und Honig fließen. Eine Quelle der Liebe, die nie versiegte.

Die Quelle

Bei allem, was wir im Leben erleben, ist es die Liebe, die uns weitergehen lässt. Die Schleiereule trägt ihr Herz mitten im Gesicht. Es ist die Kraft des Herzens, die Blaue Feder durch ihr Leben begleitet hat. Es ist die innere Weisheit, die uns durch das Leben führt.

Das Herz

Blaue Feder war wohl angekommen in einem Land, das gemeinhin als das ‚Alter‘ bezeichnet wird. Ob sie nun eine star-sinnige Alte wurde, eine liebe-volle Oma oder eine weise Eule, lag an ihr. Sie konnte allen Qualitäten etwas abgewinnen.

Wir haben so unsere Vorstellungen auf diesem Weg. Es gibt ja auch sooo wunderbare Dinge zu erleben. Die Weisheit kommt meistens in einem schlichten Kleid daher.

Schon ihre Oma Lisbeth hatte gesagt: ‚Sei einfach da‘. Nun war noch die Weisheit der Oma Elise dazu gekommen. Sie sagte: ‚Tanze Dein Leben‘. Beide Weisheiten verbanden sich in Blaue Feders Herz zu einem Satz.

‚Sei einfach da und tanze dein Leben‘.

Mit diesem Satz in ihrem Herzen würde Blaue Feder weitergehen.

An dem Abend, als Blaue Feder ihr Bild bendete, saß sie im Wohnzimmer und sah eine weißen Vogel im Schein der Laterne fliegen. Sie hatte das Gefühl es war die Schleiereule. Sie wusste es nicht, aber es fühlte sich so an. – Ja, sie ist wieder da. Sie sitzt dort, wo eigentlich Lisa Wippsteert ihr Nest hat. Blaue Feder wusste nicht wie sich die beiden arrangieren würden. Sie sah Lisa gestern in der Scheune. Vielleicht baute sie sich dort ein neues Nest. Der Hof ist ja zum Glück groß genug, dass alle ihren Platz finden.

Abends setzte sie sich zur Eule und bedankte sich bei ihr, dass sie da war. Sie schloss die Augen und fragte: ‚Wie geht es nun weiter?‘

‚Gehe mit dem, was im Hier und Jetzt ist und betrachte es aus dem Herzen heraus.‘

Es gibt wohl viele Schlüssel zur Weisheit. Einst ist gewiss, sie wohnt in unseren Herzen. Sie ist immer bei uns – wie die Liebe.

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