Das Geisterhaus und die Silbermond-Taler

In vielen Dörfern steht wohl ein Geisterhaus. Ein leeres Haus, das einfach verfällt. Ein Haus mit einem wilden Garten, der alles überwuchert. Viele Geschichten ranken sich um ein solches Haus und keiner weiß wie es sich wirklich zutrug.

Heute erzählt Blaue Feder ihre Geisterhaus-Geschichte, schön und etwas unheimlich zugleich.

Die Adventszeit stand bevor und Blaue Feder hatte sich, einem Impuls folgend, eine Weihnachts-Zeitung gekauft mit schönen Adventsbasteleien. Allein die Zeitung durchzublättern in der Bahn auf dem Weg nach Hause war wie ein kleiner Urlaub. Ihr war nach etwas Schönem. Sie wollte den Hof schmücken, runter kommen und sich einstimmen auf die ruhige Zeit.

Als sie heim kam, fand sie im Haus eine Kiste, die hatte der Alte Vater wohl mitgebracht. Als sie sie öffnete, fand sie darin die großen Krippenfiguren, die Oma Anni getöpfert hatte. Oma Anni war die Großmutter von Brauner Bär und sie war eine wunderbare Töpferin gewesen. Blaue Feder hatte sie noch kennengelernt und sie sehr gemocht. Als sie die Figuren berührte, machte ihr Herz einen kleinen Hüpfer.

Am nächsten Morgen wachte Blaue Feder zeitig auf. Für einen Stern, den sie basteln wollte, brauchte sie noch Haselzweige und Roten Hartriegel. Sie wusste, wo sie die Zweige fand. Der Weg führte sie ins Moor. Der Sonnenaufgang war wieder atemberaubend schön.

So richtig loslassen konnte Blaue Feder noch nicht. Sie versuchte einfach nur tief durch zu atmen, da zu sein und es tat ihr gut den Flug der Kormorane zu beobachten.

Sie bat die Haselin um ein paar Stecken. So ganz wohl war ihr nicht dabei, die Zweige abzuschneiden. Hätte sie nicht auch andere Zweige nehmen können? Auch den Roten Hartriegel bat sie um ein paar Zweige und schnitt sie vorsichtig heraus.

Sie ging zum Großen Mondsee und beobachte die Graue beim Fischfang. Einen dicken Fisch hatte sie gefangen.

Nun fehlten ihr zu ihrem Glück noch ein paar Silbermond-Taler und Rote Beeren. Die Weißdornbeeren fielen zu schnell ab und die Hagebutten waren auch nicht so haltbar. Vielleicht fand sie irgendwo einen Ilex, eine Stechpalme.

 Blaue Feder erinnerte sich an die Silbermond-Taler, die beim Geisterhaus wuchsen. Sie werden die auch Lunaria genannt werden, weil sie silbern leuchten wie der Mond. Sie fand dort auch welche, doch waren sie schon ganz grau und verwittert. Sie nahm sie trotzdem mit – vielleicht konnte sie die Samen in ihrem Garten aussäen für das kommende Jahr.

Am Eingang zu dem Grundstück stand ein Baum mit leuchtend roten Beeren. Der war ihr sonst nie aufgefallen. So wie wir etwas nicht sehen, wenn wir nicht danach suchen. Sie dachte bei sich, dass es wohl eine Stechpalme sei. Sie wunderte sich nur über die Blätter, die gar nicht stachelig daher kamen, sonder ganzrandig waren. Sie schnitt sich ein paar Ranken ab für ihre Kränze und freute sich.

Nun hatte sie einen Sack voll wunderbarer Zweige. In ihrem Garten schnitt sie noch den Efeu ein wenig in Form und die Thuja, der Lebensbaum, schenkte ihr auch noch ein paar grüne Zweige.  

Daheim fand sie heraus, dass die unteren Blätter der Stechplame gezackt waren und die oberen glatt. So wurde der Baum für seine weise Voraussicht verehrt. Im unteren Bereich wurde das Vieh von den stachligen Blättern abgewehrt und an die oberen Blätter kamen sie nicht ran.

Blaue Feder kochte sich einen schönen Tee und bastelte einen wunderschönen Stern, den sie gleich vorne an den Hof hängte. Wenn sie kreativ war, war sie einfach glücklich. Der Stern erinnerte sie an den Stern der Freude. Ihm würde sie jetzt wieder folgen und auf ihr Herz hören.

Nun holte sie sich bunte Knöpfe und fädelte kleine Tannenbäume auf und steckte sie auf Eichenrindenhölzer. Ihr Herz jubelte. Blaue Feder liebte Knöpfe. Ein Knopf war für sie wie ein Kuss und ihre kleine Tannenbäume, die da so vor sich hinwackeleten waren wie hundert Küsse.

Blaue Feder wollte noch Kränze flechten. Die roten Beeren waren aus und sie entschied, die Dunkelheit abzuwarten, sich noch einmal zum Geisterhaus schleichen und noch ein paar rote Beerenranken zu stibitzen.

Als sie wieder zum Geisterhaus kam, sah sie schon von weitem etwas silbern-weiß glänzen. Als sie näher kam, lag vor dem Eingang ein Strauch Silbermond-Taler, wunderschöne strahlend- silberweiße Silbermond-Taler. Irgendwie wusste sie – es war ein Geschenk für sie und sie nahm es liebend gerne an.

Wer hatte den Strauch wohl dahingelegt? Hatte ein Nachbar sie beobachtet? Ein bisschen unheimlich fand sie es auch.

Blaue Feder war sehr berührt. Schnell schnitt sie die Stechpalmenranken ab. In dem Moment kam ein junger Mann mit seinem Hund vorbei. Er grüßte Blaue Feder laut und sie grüßte zurück – so viel zu ‚heimlich‘. Auch stand eine Laterne direkt vor dem Geisterhaus. Es war also schwer sich in der Dunkelheit zu verstecken.

Sie ging heim mit ihren Silbermond-Talern im Arm und fühlte sich ein bisschen beschämt. Wie konnte sie nur manchmal am Leben zweifeln. Ihr kamen die Tränen. Sie hatte manchmal den Eindruck, ihr wurde so viel geschenkt. Immer, wenn sie etwas brauchte, wurde es ihr gebracht. Ob es der Nachbar war, der zur richtigen Zeit ihr Eier brachte oder der Alte Vater mit den schönen Krippenfiguren und nun die Silbermond-Taler. Sie fühlte sich so reich beschenkt wie Sternentaler, als die Sterne vom Himmel fielen.

Blaue Feder kannte sich mit dem Zauber der Stechpalme nicht aus. Sie hatte diesen immergrünen Baum gerade erst kennengelernt. Doch musste es ein großer Zauber sein, der ihm innewohnte, das spürte sie. Er umfing sie und setzte allem eine Krone auf – wie den kleinen Rosmarin-Elfen, die sie gebastelt hatte.

Das größte Geschenk dieser Erde ist wohl die Liebe. Sie ist es, die unser Herz erfüllt und uns glücklich macht.

Daheim erzählte sie Brauner Bär, was sie erlebt hatte und er freute sich mit ihr. Noch einmal machte sich Blaue Feder auf den Weg zum Geisterhaus und hängte eine Rosmarin-Elfe in die Stechpalme. Sie bedankte sich – bei wem auch immer.

Morgen würde sie schauen, ob jemand die kleine Elfe mitgenommen hatte.

Dann ging Blaue Feder heim und baute die großen Krippenfiguren auf . Sie steckte die Silbermond-Taler in ein Glas. Brauner Bär brachte ihr eine Lichterkette und nun leuchteten die Silbermond-Taler allen den Weg zum Stern der Freude. Vor die Figuren legte sie Zweige von der Stechpalme, einen mit Zacken und einen mit roten Beeren.

Auf dem Bild dahinter, welches Brauner Bär gemalt hatte, seht Ihr Oma Anni mit ihren Freundinnnen durch die Lüneburger Heide wandeln. Schön sah es aus wie Oma Anni mit ihren Freundinnen auf ihre Krippenfiguren schaute. Dem Alten Vater, der die Figuren mitgebracht hatte, würde es bestimmt auch gefallen.

Vielleicht stand die Stechpalme in Verbindung mit den Ahnen und wurde deshalb früher gerne an den Kamin gehängt. Blaue Feder würde den Baum jetzt wohl öfters besuchen und mit der Zeit mehr Zugang zu seinem Wesen finden.

Auf jeden Fall öffnet die Stechpalme das Herz für die Liebe. Soviel hatte sie heute schon selbst erfahren.

Am Abend legte sich Blaue Feder beseelt von den Erlebnissen des Tages ins Bett, doch sie konnte nicht einschlafen. Sie setze sich auf im Bett, schloss die Augen und es war ihr als würden Silbermond-Taler vom Himmel fallen. Wie Sternentaler saß sie da in ihrem Bett in einem Strom von Licht. Sie fühlte sich reich beschenkt und war unendlich dankbar.

Blaue Feder wünscht Euch eine schöne Adventszeit.

All die schönen Bastelideen findet Ihr in dem aktuellen LandLust Sonderheft ‚Weihnachten‘.

Anm. der Verfasserin : Die kleine Rosmarin-Elfe ist verschwunden – vielleicht hängt sie Weihnachten irgendwo an einem Tannenbaum.