Esmeralda

The Tri-coloured House 1

Vielleicht begann die Geschichte, als Esmeralda in ihr Leben kam. Blaue Feder wusste nicht mehr so genau, wann Esmeralda zu ihr gekommen war. Vielleicht war es ein November-Tag wie heute, grau, naß, kalt und unwirtlich. Ein Tag, an dem Blaue Feder keine Katze vor die Tür jagte. Ein Tag, an dem Blaue Feder sich eine Kerze anzündete, vielleicht etwas räucherte, einen guten Tee bereitete, sich einkuschelte mit einem schönen Buch oder mit Nadel und Faden auf eine innere Reise ging.

Blaue Feder war als Kind nie eine Puppenmutter gewesen. Andere Kinder spielten mit Puppen. Im Kinderuniversum von Blaue Feder tummelten sich Stoff-Tiere. An eine Puppe konnte sie sich nicht erinnern.

Da gab es eine alte Bärin, die war wohl schon durch viele Kinderhände gegangen. Als sie zu Blaue Feder kam, war sie schon sehr alt und  ganz oft geflickt. Das Stroh quoll schon überall heraus. Sie war wohl auch schon der ‚Teddy‘ der Brüder gewesen. Blaue Feder liebte die alte Bärin und sie wurde immer und immer wieder liebevoll von ihr gestopft. Irgendwann war die Bärin verschwunden und Blaue Feder wusste nicht wohin. Als sie dann ein großes Kind war, kam ein neuer Bär in ihr Leben, der kleine Fynn. Mittlerweile tummelte sich eine ganze Bärenbande in Blaue Feders Atelier.

Nun war es an der Zeit, dass eine Puppe in ihr Leben kam.

Vielleicht war es die Geschichte von ‚Vasalisa‘, die sie dazu inspirierte sich eine Puppe zu nähen. Kennt ihr die Geschichte von Vasalisa, der Weisen?

ES WAR EINMAL, und war auch nicht eine junge Mutter und Ehefrau, die mit wachsbleichem Gesicht auf dem Sterbebett lag. Ihr Mann und ihre kleine Tochter knieten am Fußende des Bettes und beteten, dass Gott sie heil in die Welt der seligen Geister hinüber begleiten möge.

Alsbald rief die Mutter ihre kleine Tochter zu sich, um Abschied von ihr zu nehmen, und das Mädchen, das den schönen Namen Vasalisa trug, kniete an der Seite des Bettes nieder, um die letzten Worte ihrer Mutter zu vernehmen. „Hier, nimm diese Puppe an Dich, behalte sie immer bei Dir“, flüsterte die Mutter und zog unter ihrer härenen Decke ein kleines Püppchen hervor, das genau wie ihre Tochter aussah und genau wie sie gekleidet war, mit roten Stiefeln an den Füßen, einem schwarzen Rock, einer weißen Schürze darüber, und einer Weste, die über und über mit bunten Fäden bestickt war.

„Dies sind meine letzten Worte, mein Kind“, sprach die Mutter. „Höre mir gut zu. Wenn Du Hilfe brauchst oder mal den Weg verlierst, frage diese Puppe um Rat. Behalte sie immer bei Dir, aber erzähle niemandem von ihr. Füttere die Puppe, wenn sie hungrig ist, dann wird sie Dir helfen. Dies ist mein Gelöbnis und mein Vermächtnis an Dich.“ Und damit sank der Atem der Mutter in die Tiefe ihres Herzens, sammelte sich in ihrer Seele, entwich aus ihrem Munde, und die Mutter starb.

Lange Zeit trauerten der Vater und das Kind. Lange, lange betrauerten sie den schmerzlichen Verlust der guten Mutter und Ehefrau. Aber irgendwann kam auch zu ihnen ein neuer Frühling und mit ihm neuer Lebensmut, und eines Tages verkündete der Vater, dass er sich mit einer Witwe, die selbst zwei Töchter mit in die Ehe brachte, vermählen würde. Und so geschah es...

Ihr könnt die ganze Geschichte in der Wolfsfrau nachlesen. Das russische Märchen erzählt die Stationen auf dem Einweihungsweg zu innerer Stärke, Lebenskraft und weiblicher Intuition.

Quelle: Die Wolfsfrau von Clarissa Pinkola Estès

Eines Tages also nahm Blaue Feder Nadel und Faden zur Hand und nähte sich eine Puppe. Eine kleine wilde Puppe mit Haaren Rot und Blau wie Feuer und Wasser. Auch das Kleid war Rot und Blau.

Blaue Feder trug selbst gerne diese Farben. Mal hatte sie gelesen, es wäre nicht gut Rot und Blau zusammen zu tragen. Doch sagten ihr die Krähen, wenn Du Dich immer an die Regeln hältst, verpasst Du eine Menge Spaß und das wollte sie ja nicht.

Also bekam die Puppe ein Kleid in Rot und Blau. Rot wie der Mohn und Blau wie die Kornblumen. Blaue Feder liebte diese Blumen, die oft zusammen in einem Kornfeld standen.

In einem ihrer Schatzkästchen, bewahrte Blaue Feder ein paar Perlen auf. Einst war es eine Kette gewesen, die ihr die Oma zur Geburt geschenkt hatte. Die Perlenkette war aus roten Korallen und war irgendwann kaputt gegangen. Blaue Feder hatte die Perlen ihr Leben lang aufbewahrt. Es war alles, was sie von ihrer Oma hatte, die schon früh verstarb, als Blaue Feder noch ein kleines Mädchen war.

Sie nahm einen Faden und reihte die Perlen aneinander zu einer kleine Kette für ihre Puppe. Blaue Feder liebte Korallen und Türkise. Sie gaben ihr wie der rote Mohn und die blauen Kornblumen ein Gefühl von Zuhause.

Nun war die kleine Puppe fertig und Blaue Feder schaute ihr in die Augen. Wie heißt Du denn eigentlich? Blaue Feder lauschte in ihr Herz und hörte einen Namen.

Esmeralda

Oh, welch schöner Name.

So kam das kleine wilde Mädchen Esmeralda in ihr Leben und stellte ihr Atelier auf den Kopf. Was sie alles wissen wollte und was sie alles ausprobierte. Sie war ein richtiger Wildfang, so wie Blaue Feder einst. Auch sie war ein kleines wildes Mädchen gewesen, das auf Bäume kletterte und so hoch schaukelte, dass die Mutter oft Angst um sie hatte. Sie liebte aber auch die schönen Kleider, die aus Samt mit Spitzenborten. So bekam auch Esmeraldas Kleid eine kleine Spitzenborte.

Blaue Feder freute sich über ihre kleine Freundin. Was sie wohl alles zusammen erleben würden.

Eine Nähanleitung findet Ihr in dem Taschenbuch ‚Stoffpuppen, Brunnen-Reihe von Lissy Williams‘