Die Gaben der Alten Moor-Mutter

Fast rund war die volle Mondin. Beim Lindenhof standen die Fliegenpilzen rund und rot mit weißen Punkten unterm Zaun.

‚Weiß wie Schnee und Rot wie Blut‘

Blaue Feder freute sich immer sie zu sehen. Sie ging weiter durch das Dorf, sah die Eichhörnchen Wintervorräte anschaffen und traf einige Nachbarn.

In der Nacht hatte es viel geregnet. Die Wiesen waren nass. Es war warm, windstill und grau. Die Möwen kündigten etwas Neues an.

Blaue Feder ging den kargen Weg durch die Wiesen. Die Zäune, die Hecken, die Knicks hatten es ihr angetan. Nach dem Brennessel-Wurzel-Tee-Tag sah sie nun überall die Brennnesseln. Sie gehörten wie die Hagebutten und der Weißdorn zu den Bewohner des Grenzlandes, irgendwo zwischen Zivilisation und Wildnis.

Auf dem Zaun saß eine Krähe – eine Zaun-Reiterin. Sie beobachtete zwei Zaun-Könige im Knick. Viele Tiere und Pflanzen waren im Grenzland zuhause, fanden hier ihren Schutz.

Sie ging durch das Tor mit dem weißen und dem schwarze Pfahl. Wie oft war sie schon hindurchgegangen. Sie ging den Weg, der ins Nichts führte, ins Ödland, dort wo es unwirtlich schien. Sie ließ sich ein auf das Nichts. Ließ sich hineinfallen, ließ ihre Erwartungen los, so weit wie es ging. War einfach da.

Atmete ein und atmete aus. Es war schön draußen an der frischen Luft zu sein.

Das Atmen war wie der Rhythmus der Monde, die kamen und gingen.

Zum Neumond atmen wir ein – atmen ein, was uns nährt.

Zum Vollmond atmen wir aus – atmen aus, was wir verschenken.

Blaue Feder schaute noch einmal zurück zum Neumond. Welche Gaben hatte sie empfangen? Welche Themen waren präsent? Zur Neumondin war sie der Hagebutten-Frau begegnet wie im letzten Jahr. Sie war ihr auf dem Rundelsweg begegnet. Es hatte ihr imponiert wie sie da mit ihrem Rolllator ihren Weg ging. Vielleicht fing für Blaue Feder mit der Alten eine neue Runde an.

Sie kam zum Weißdornhain, einem Lichtblick in dieser öden Landschaft. Wenn es nicht so viel gibt, ist man dankbar für etwas, worauf der Blick verweilen kann.

  Sie ging durch die regennasse Wiese, als sich plötzlich ein Vogel in die Lüfte erhob. Er war erschrocken und sie war erschrocken. Sie konnte nicht genau erkennen, was es für ein Vogel war und doch wusste sie, es war eine Eule. Sie flog zum Weißdornhain und ließ sich dort nieder. Kurz wollte Blaue Feder ihr folgen. Vielleicht begegneten sie sich noch einmal auf dem Heimweg.

Blaue Feder ging zur BroklandSau tauchte in die Schwarze Erde am Fluß. Altes Holz verwandelte sich in schwarze Erde.

‚Schwarz wie Ebenholz‘

Schwarze Löcher führten in die Dunkelheit. Steine und alte Knochen waren Zeugen längst vergangener Zeit.

Einem Impuls folgend, sammelte sie die Fundstücke zusammen und legte sie in einen Kreis.

Sie fand den Schädel einer toten Ente. Der Tod war gegenwärtig.

Mit dem Fuß stieß sie an etwas. Es war eine alte verostete Mutter. Eine ‚Große Mutter‘.

Sie hatte gerade ein Buch gelesen: ‚Der Gesang der Flußkrebse‘ mit wunderbaren Naturbeschreibungen. In der Geschichte hatte ein Marsch-Mädchen seine Mutter verloren. Dem Kind wurde die Natur zur Mutter. Blaue Feder war das Moor zur Mutter geworden.

Sie fand ein Stück Wurzel und sah darin die Alte Moor-Mutter.

Wieder stand die Alte am Anfang einer neuen Geschichte. Die Alte Weise mit ihren Gaben. Gerne lauschte Blaue Feder den Alten, saß mit ihnen irgendwo auf einer Bank. Das hatte sie schon immer gerne getan. Im Jahr zuvor war es die Hagebuttenfrau gewesen. Vielleicht war es im neuen Rund die Moor-Mutter.

Die Brennnesseln leuchteten grüner auf schwarzer Erde. Hier, wo es so unwirtlich schien, gab es Leben.

Sie schaute durch das Rund der Großen Mutter. Es war wie bei den Schlangen-Steinen mit dem Loch. Der weite Raum öffnete sich und die Moor-Mutter gab ihre Gaben hinein.

Sie sah zwei Rehe, die sich im Gras am Ufer der BroklandSau niedergelassen hatten. Sie sprangen auf, liefen ein Stück und schauten, wer ihre Ruhe störte. Es war ein Reh und ein Bock. Der Bock stellte sich vor das Reh. So soll es sein.

Blaue Feder ging zurück, beendete ihr kleines Ritual. Die alte Mutter und die Wurzel wollten mit ihr mit.

Aus dem Nichts entspann sich eine neuer roter Faden. Bilder stiegen auf. Ein neues Forschungsfeld kündigte sich an. Es lag an Blaue Feder den Faden aufzugreifen und ihm nachzugehen

Sie ging wieder zum Weißdornhain zurück und schlich sich leise an. Die Sumpfohreule saß dort auf einem Zweig. Eine Sumpfohreule hatte sie hier noch nie gesehen. Auch diese bekam sie nicht wirklich zu Gesicht. Kam Blaue Feder näher, flog sie ein Stück weiter. Dann versteckte sie sich in einem Graben. Blaue Feder ging den Graben entlang, doch die Eule war wie vom Erdboden verschwunden. Wenn sie sich zeigen wollte, würde sie es tun. Blaue Feder stand dann noch eine Weile an der BroklandSau in den Brennnesseln. Ihr Blick folgte einer zarten Feder auf dem Wasser.

Gab es einen Anfang und ein Ende? Wir suchen nach einer Ordnung, damit wir etwas fassen können. So wie Blaue Feder die Steine und Knochen für sich im Kreis anordnete. Es ist uns ein Bedürfnis etwas zu ordnen, damit wir es begreifen können. Sie hatte heute viele Brennesseln gesehen. Waren sie ihr nach dem Wurzeltag einfach präsenter? ‚Grenzland-Erforschungen‘

Als sie das Holz auf der Weide sah, erinnerte es sie an ein wildes Tier und an einen Traum. Im Traum sah sie viele wilde Tiere, Wölfe, Wildschweine, sogar einen Löwen. Erst hatte sie etwas Angst, ging dann auf sie zu und öffnete den Zaun. Die Tiere dankten es es ihr. Sie wollten einfach nur hinaus.

 Derweil erfreute sich Blaue Feder an dem Bildnis einer Eule auf einer Birke.

Vielleicht wollte die Eule sie einladen, in die Tiefe zu gehen zu ihren Wurzeln. Die Gaben der mütterlichen Ahninnen-Reihe erforschen. Was waren die Gaben der Mutter und der Groß-Mutter? Dort gab es viele Verletzungen und Wunden. Es gab einen Stammbaum väterlicherseits, der bis bis ins 16. Jahrhundert reichte. Mütterlicherseits wusste sie wenig. In ihrer Familie wurde die mütterliche Seite sehr abgewertet.Welche Gaben gab es jenseits der Wunden? – Vielleicht konnte sie von Mond zu Mond den Gaben der Ahninnen nachspüren, den Gaben der Großen Mutter.

Während sie den Faden sponn, stand ‚Krümel‘ auf der Kreuzung und holte sie ins Jetzt zurück. Nun war Streicheln angesagt.

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Mit Krümel und Konsorten ging sie noch zum Großen Mondsee und setzte sich auf die Bank. Trotz Stiefel hatte sie nasse Füße bekommen. Das mit den trockenen Füßen musste sie wohl noch üben. Vielleicht war das der Fisch in ihr, der mit seinen Flossen gerne etwas im Wasser spaddelte.

Ein alter Mann gesellte sich zu ihr und fragte, was sie fotografieren würde.

‚Den Graureiher‘, sagte Blaue Feder und zeigte über den See.

‚Haben wir denn schon Frost?‘ fragte der alte Mann.

‚Wieso Frost?‘ fragte Blaue Feder.

‚ Sie sprachen doch eben vom Rauhreif.‘

‚Nein, vom Graureiher‘.

‚Ah, soso.‘

Er erzählte, dass er trotz der Hörgeräte nicht gut hören konnte. So saßen sie einfach auf der Bank und schwiegen eine Weile zusammen.

Dann verabschiedete sich Blaue Feder, sah noch ein paar Rehe hinter Brennnnesseln stehen und einen Pilz, der den Zaun geöffnet hatte.

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Eine Dahlie blühte schön in einem Garten. Blaue Feder sah ihre Mutter im Dahliengarten stehen. Ihre Mutter hatte Dahlien geliebt und immer einen schönen Dahliengarten gehabt. Das wäre ein schönes Bild zu malen.

Blaue Feder besuchte dann noch Ayla, die alte Dorfeiche und brachte ihr ein paar Federn. Die Bank sah wieder aus wie neu. Jetzt war sie lackiert und die beiden konnten nun in Ruhe ihre Gespräche wieder aufnehmen. Es war fast wieder alles beim Alten.

Fast, so wie die volle Mondin fast rund war. Vieles hatte sich geändert im letzten Jahr.

Als sie so unter der Eiche saß, erinnerte sie sich an eine Decke, die sie vor langer gewebt hatte. Sie hieß wie Ayla.

Mit dem Mondlicht‚.