‚Lisbeth ehr’n Diek‘

Vor etwa einem Jahr war Blaue Feder auf der Ausstellung eines Freundes. Er hatte die alten Bäume Dithmarschens fotografiert. Eine wunderbare Ausstellung. Es gab ein Foto, das hatte es Baue Feder angetan. Ein alter Baum und darunter stand ‚Lisbeth ehr’n Diek.‘ Seit sie das Foto gesehen hatte, wollte sie gerne diesen alten Baum, der wie ihre Oma hieß, besuchen. Heute nun, mit dem Mond im Krebs, fuhren Brauner Bär und sie los.

Sie hatte im Internet recherchiert und ‚Lisbeth ehr’n Diek‘ hinterm Steinzeitdorf im Gieselautal bei Albersdorf gefunden. Sie kannten das Gieselautal ganz gut, nur diesen Rundweg waren sie noch nie gegangen.

Es stellte sich dann als schwierig heraus, überhaupt nach Albersdorf zu gelangen. Viele Straßen waren gesperrt, weil sie erneuert wurden. Viele Umleitungen führten ins Nichts. Es war, als würden sie immer im Kreis fahren und nirgendwo ankommen. Dabei entdeckten sie kleine Dörfer mit schönen alten Höfen, die sie noch nicht kannten wie Osterrade, Süderrade und Schrum. Sie fuhren dann nach Gefühl kleine Schleichwege und kamen bis auf vier Kilometer an Albersdorf heran. Bei dem Dorf Bunsoh, in dem sich auch die Galerie Nordlicht findet, die sie vom KunstGriff her kannten, ging es nicht mehr weiter. Sie wollten schon aufgegeben und wieder heimfahren. Da sah Blaue Feder einen Einheimischen und fragte ihn, ob es einen Weg nach Albersdorf gäbe.

Er lachte und erklärte ihnen den Weg. Die Dorfbewohner hatten sich eine eigene Umleitung gebaut. Es gab handbemalte Schilder und der Weg führte durch den Wald. So gelangten die Beiden doch noch an den Ort ihrer Wünsche, wenn auch eine Stunde später als geplant. Sie parkten, wo sie immer parkten und folgten den Einheimischen und den Zeichen an den Bäumen. Der Blaue Weg war der ihre.

Sie kamen dann auch zu den Fischteichen, wo Blaue Feder eine alte Weide vermutete. Die Enten begrüßten sie und sie suchten die Fischteiche ab, fanden aber keinen alten Baum. Doch brach die Sonne durch die Wolken und das Licht war wunderschön. Was wollten sie mehr.

Sie folgten weiter den Blauen Zeichen und fanden einen Stein der Stifter. Aber was hatten die Beiden gestiftet? Den alten Baum?

Dann gab es ein großes Tor. Sie liefen hindurch und ‚Lisbeth ehr’n Diek‘ kündigte sich an. Sie fragten noch zwei einheimische Wanderinnen, aber auch sie hatten noch nie von dem wunderbaren alten Baum gehört. Ein bisschen enttäuscht machten sich die Beiden erst einmal auf den Weg zu einem Aussichtsturm.

Auf dem Weg entdeckten Blaue Feder und Brauner Bär einen Ameisenhaufen. Und da war noch einer und noch einer. So viele und so große Ameisenhaufen hatten sie noch nie gesehen. Sie verließen den Weg und tauchten ein in die Welt der Ameisen. Wie fleißig und geduldig die Ameisen ihr Werk verrichten. Wie sie sich zurecht fanden in diesem Gewusel und jede folgte wohl ihrer Aufgabe.

Blaue Feder und Brauner Bär waren sehr beeindruckt von diesen Bauwerken. Diese kleinen Wesen konnten das Siebenfache ihres eigenen Gewichtes tragen und mit ihrem Fleiß und ihrer Organisation ganze Ameisen-Berge versetzten.

Sie fanden dann auch den Aussichtsturm. Ein altes Stahlgerüst aus dem Jahr 1930, das auf eigene Gefahr bestiegen werden konnte. Blaue Feder wusste gleich, dass sie das Ding nicht erklimmen würde. Brauner Bär stieg hoch und genoss den weiten Blick.

Dann gingen sie den Weg zurück. Nochmals wollten sie schauen, ob sie an den Fischteichen nicht den alten Baum fanden. Vielleicht war es ein Zauberbaum, der sich nicht allen zeigten

Sie entdeckten eine schöne große Libelle, wohl eine Blaugrüne Mosaikjungfer, die Enten schnatterten vergnügt und ein Blutweiderich stand am Teich. Von einem altehrwürdigen Baum keine Spur.

Blaue Feder ging dann noch zu einem altehrwürdigen Baum, einem Geschichtenbaum, die alte Wurzelbuche. Sie zu finden, muß man den orangefarbenen Zeichen folgen. Sie war eine alte Freundin. Doch die alte Buche schwieg Stille und grinste sich eins.

 So fuhren die Beiden wieder gen Heimat. Sie hatten einen sehr schönen Tag im Wald verlebt. Auf dem Nachhauseweg fanden sie noch unvermutet ein Café. Der Weg führte durch ein Gewerbegebiet. Schon dachten sie, sie wären falsch, als plötzlich ein kleines Reetdachhaus erschien, mit einem zauberhaften Garten. Dort kehrten sie ein. Bei Anja wurde Platt geschnackt und im Garten stand der gleiche Spruch wie bei ihnen am Hof.

‚Ich mache mir die Welt wie sie mir gefällt.‘

Zuhause recherchierte Blaue Feder noch einmal in ihren Büchern. Es gab tatsächlich keine alte Weide, die ‚Lisbeth ehr’n Diek‘ hieß. Der Platz mit den beiden Teichen hieß so und war von Lisbeths Bruder gestiftet worden.*

Blaue Feder fragte dann noch einmal den Freund. Er hatte die Buche fotografiert, die den rechten Torpfeiler bildet. Wer genau hinschaut, sieht dort ein Gesicht am Stamm. Vielleich schaut ja Lisbeth dort aus dem Stamm heraus, wer weiß. Beim nächsten Besuch würden sie sich das Portrait im Baum anschauen.

Vielleicht gab es keinen Baum, der ‚Lisbeth ehrn Diek‘ hieß, doch in Blaue Feders Herz, da wuchs ein Baum mit dem Namen ‚Lisbeth‘. Es war der Baum, den ihre Oma dort gepflanzt hatte. Bei ihr trafen sich alle zum Spielen, Malen, Nähen, Backen und zum Klönschnack. Sie war einfach da gewesen und hatte den Raum gegeben.

‚Sei einfach da‘

Das war der Satz, den Oma Lisbeth ihr mit auf den Weg gegeben hatte.

Blaue Feder hatte gerne ihren Geschichten gelauscht, besonders denen auf Plattdeutsch, auch wenn sie nicht alles verstand. Sie hatte heute viel an ihre Oma gedacht. Sie hatten einen schönen Tag im Gieselautal verbracht und waren begeistert von den Ameisen-Bergen. Wer weiß, vielleicht würde Blaue Feder doch noch irgendwann Plattdeutsch lernen.

Für Alle, die sich mal nach Dithmarschen verirren und ‚Lisbeth ehr’n Diek‘ suchen, hat Blaue Feder eine Schatzkarte gebastelt. Am meisten Freude hatte sie beim Zeichnen der Ameisen.

*Aus dem Reisetagbuch von Ingeborg Münch ‚Mitteldithmarschen – Zwischen Kanal und Küste‘, weiß ich nun, dass Elisabeth und Johannes Hinrich Buhmann unverheiratete Geschwister waren. Sie waren die Eigentümer eines rund 100 ha großen landwirtschaftlichen Betriebes in Albersdorf. Elisabeth Buhmann war eine tüchtige und lebenskluge Frau. Sie leitete die Hauswirtschaft, gab Anleitungen für die Feldarbeit und den Hofbetrieb. Der Hoferbe, Johannes Buhmann, besuchte die Gelehrtenschule in Meldorf, wurde Tierarzt. Nach dem Tode seiner Schwester Elisabeth, am 26. März 1928, vermachte Johannes der Dorfgemeinde Albersdorf ein sehr großes Stück Wald, um auf diesem Grundstück einen Naturschutzpark zu unterhalten. Mit den Mitteln der Gemeinde und durch freiwillige Arbeitsleistung des damaligen Verkehrsvereins wurde die Anlage reizvoll hergerichtet. Sie ist das Ziel vieler Spaziergänger, Wanderer und Naturfreunde. Der Verkehrsverein hat 1955 aus Dankbarkeit einen großen Findling als Gedenkstein errichtet, mit der Aufschrift: 1932 De Stifter Lisbeth und Johannes Buhmann .

Café: Anja Tiessen, Hogen Haid 4, 25767 Albersdorf