Der Seerosen-Karpfen

Vor gar nicht langer Zeit, saß Blaue Feder am kleinen Birkensee. Es war die Zeit der Seerosenblüte. Blaue Feder liebte Seerosen – vielleicht waren es sogar ihre liebsten Blumen und ihr anverwandt.

Sie wollte die Seerosen malen. Sie hatte alles dabei, ihren Schemel, ihre Stifte und ihr Skizzenbuch. Die Sonne schien warm und neben ihr blühte das Blaue Sumpfhelmkraut. Blaue Feder atmete den frischen Duft des Krautes ein. Ihr Herz öffnete sich. Dann saß sie einfach nur da und schaute.

Eine Braune Libelle flog über den kleinen Birkensee. Vielleicht war sie die Wächterin des Teiches. Überall schaute sie, ob auch alles in Ordnung war. Sie verjagte auch andere Libellen aus ihrem Reich.

Die Seerosen waren weiß erblüht mit goldgelber Mitte. Blaue Feder fiel ein wenig aus der Zeit. Sie schaute auf das Wasser. Wie schön sich die Sumpfschachtelhalme darin spiegelten.

In den Spiegelungen tauchte eine Flosse auf und winkte ihr zu. Ein Fisch machte auf sich aufmerksam. Er schwamm direkt auf Blaue Feder zu und blieb mit ein wenig Abstand vor ihr im Wasser stehen und ließ sich treiben im dunklen Moorsee. Er war groß, ein stattlicher Karpfen und seine Schuppen schimmerten golden.

Er begrüßte Blaue Feder und stellte sich ihr als der Seerosen-Karpfen vor. Blaue Feder grüßte zurück und freute sich über die Bekanntschaft. Sie kamen ins Gespräch und der Seerosen-Karpfen erzählte Blaue Feder ein wenig von seinem Leben in dem kleinen Birkensee. Nicht oft kam ein Wanderer vorbei und noch seltener wurde er gesehen, zeigte er sich nur denen, die mit dem Herzen schauten.

Nicht für jeden war so ein Leben in einem kleinen See die Wahl der Wahl. Doch er liebte seinen Seerosenteich. Es war seine Heimat und er konnte sich nichts Schöneres vorstellen. Er wusste von den Fischen im Großen Meer. Seine Freundin, die Braune Libelle, hatte ihm davon erzählt. Doch hatte er hier alles, was er zum Glücklich sein brauchte.

Jeden Tag gab es spannende Abenteuer zu erleben. Könnte er schreiben, so würde er mit seinen Geschichten Bücher füllen. Doch er war ein Fisch und mit Flossen ließ es sich schlecht schreiben und wahrlich gut erzählen, konnte er auch nicht. Wenn er sprach, stiegen Blubberblasen an die Wasseroberfläche.

Doch Du, sagte er zu Blaue Feder – Du bist gesegnet mit Füßen, die Dich überall hintragen, wohin Du gehen möchtest. Dir wurden Hände gegeben zum Malen und zum Schreiben. Du hast einen Mund, der Geschichten erzählen kann und Du hast die Gabe mit Farben, Stoffen und Allerlei schöne Bilder zu zaubern und ein Herz, das sehen kann.

Wäre ich Du und wäre mit Deinen Gaben gesegnet, dann würde ich dem Land lauschen und nicht eher Ruhe geben, bis alle Geschichten meiner Seelenheimat gemalt, gewebt und erzählt sind. Denn, was gibt es Schöneres.

Doch was erzähle ich Dir, ich bin nur ein dicker Karpfen in einem dunklen Moorteich. Ihr Menschenkinder habt so viele Möglichkeiten, da ist es wohl manchmal schwer sich zu entscheiden.

Doch egal, was Du tust, lacht Dein Herz dabei und strahlen Deine Augen, dann blühen die Seerosen in Dir.

Er gab Blaue Feder eine seiner goldenen Schuppen. Blaue Feder legte sie sanft in ihre Hand, schaute hinein und sah sich selbst in dem Spiegel. Ihr Herz freute sich.

Bewahre sie gut, sagte der Seerosen-Karpfen, sie bringt Dir Glück. Blaue Feder steckte sie vorsichtig ein.

Nun war es an der Zeit zu gehen. Sie verabschiedeten sich und Blaue Feder bedankte sich für das Geschenk. Welch schöne Begegnung und welch schöner Tag. Blaue Feder ging ein Stück und als sie zurückschaute, da war da nichts, als ein kleiner Birkensee mit vielen Seerosen – kein Fisch weit und breit – nur das goldene Glitzern der Sonne auf dem Wasser.

Sie ging beseelt heim. Als sie zuhause angekommen war, wollte Blaue Feder vorsichtig die Schuppe aus ihrer Tasche holen. Als sie in die Tasche griff, fielen lauter goldene Schuppen heraus. Sie sammelte sie alle auf – eine ganze Handvoll.

Sie nahm die goldenen Schuppen mit in ihr Atelier. Dort fand sie in einer der Schubladen einen schönen seidenen Stoff. Einst war es ein Lieblingskleid gewesen, doch die Ärmel waren zerschlissen. Es wartete schon lange auf eine neue Aufgabe. Sie fand auch eine alte Gardine mit Rosenmuster und die Seerosen lachten sie schon an. Sie hatte auch noch schöne Perlen – das Geschenk einer Freundin.

Knöpfe mit Ankern, kamen ihr in den Sinn. Als sie die alten Knöpfe aus der Schatzkiste raus kramte, fiel ihr auf, dass in einem Bündel ein anderer Knopf eingeflochten war – ein Knopf mit einer Krone. Sie freute sich. Der bekam wohl einen besonderen Platz. Im Garten hatte sie viele Federn von Konstantin gefunden, dem Hahn von Nebenan und in der Spielzeugkiste lachte ihr eine Braune Mosaikjungfer entgegen.

Eins kam zum anderen und sie werkelte so vor sich hin. Wie hatte sie das vermisst. Sie tauchte ab in den Seerosenteich, unterhielt sich wieder mit dem Seerosen-Karpfen. Seine Worte klangen in ihr nach. Sie ließ sich treiben, vergaß die Zeit, folgte ihren Impulsen und war einfach sehr glücklich.

Was ist es für ein Glück, das machen zu dürfen, was sie am meisten liebte.

Der Seerosen-Karpfen

Als sie wieder auftauchte, da war ein kleines Bild entstanden. Es gefiel ihr. Die Schuppen glänzten golden im Sonnenlicht. Im Glanze der Schuppen sah sie sich selbst. Sie sah wie ihre Augen strahlten und in ihrem Herz blühte eine schöne Seerose.