Salomonsiegel

Blaue Feder hatte etwas länger geschlafen und wachte bei Sonnenschein auf. Sie freute sich. Heute würde sie wieder eine Runde drehen. Sie beeilte sich, zog sich rasch an, aß eine Kleinigkeit und schon ging die Reise los. Sie wollte zur Gänsekuhle – vielleicht war ja der Adler wieder da. Einen Adler sieht man hier nicht alle Tage. Vielleicht war er aus der Lundener Niederungen herübergeflogen. Dort nistete ein Seeadler-Pärchen.

Der Westwind wehte den Regen vor sich hin. Blaue Feder kam ein Lieder in den Sinn.

‚On a wagon bound for market
There’s a calf with a mournful eye
High above him there’s a swallow
Winging swiftly through the sky
How the winds are laughing
They laugh with all their might
Laugh and laugh the whole day through
And half the summer’s night
Donna, Donna, Donna, Donna
Donna, Donna, Donna, Don
Donna, Donna, Donna, Donna
Donna, Donna, Donna, Don‘

Die Schwalben flogen um Blaue Feder herum. Blaue Feder hatte Glück und der Regen flog an ihr vorbei. Sie ging zum Großen Mondsee und beobachtet die Haubentaucher. Ab und zu mal abzutauchen wie die Haubentaucher, das tat gut.

Blaue Feder ließ sich treiben. Sie folgte den Vögeln. Eine Moormeise sang für sie.

Sie dachte bei sich: ‚Lass los. Du würdest gerne den Adler sehen. Doch tauche in das Jetzt und nicht in das, was sein könnte.‘

Blaue Feder ließ los. Tauchte in die Blümchen am Wegesrand. Tauchte in die Wiesenschaumwiese und konnte sich vorstellen wie die kleinen Elfen tanzten.

Am See mit der Insel wurde sie in den Birkenwald gezogen. Hier stand sieben Birken beieinander und tanzten. Hexenbesen hingen in den Zweigen. Hexenbesen sehen ein wenig aus wie Misteln, sind aber keine.

Die Birken tanzen oft abseits, dort wo sie nicht gesehen werden und auch nicht gestört werden. Dort tanzen sie ihren Tanz. Dort, wo der Eichelhäher zuhause ist.

Blaue Feder ging in den mit Brombeeren überwucherten Wald. Es gab hier nicht viel Liebliches. Sie setzte sich auf einen Birkenthron und schloss die Augen.

‚Gehe mehr nach innen. Öffne Dein Herz. Der wahre Reichtum ist in Deinem Herzen. Ihn kannst Du im Außen nicht finden – noch zeigen.‘

Blaue Feder entspannte sich langsam bedankte sich bei den Birken.

Sie ging dann zur Gänsekuhle. Kein Adler weit und breit. Dort wo die Birke abgeholzt wurde, standen ein paar Salomonssiegel.

Sie wuchsen wohl dort, wo viel abgeholzt wurde. Auch bei ihrem kleinem Wald und auf dem Fuchsloch hatte sie den Salomonsiegel gesehen. Sie begegnete dem Salomonsiegel jetzt zum dritten Mal und sie hatte sehr viel Respekt vor dieser Pflanze. Sie war schon besonders und strahlte sehr viel Kraft aus. Blaue Feder kannte sie nicht und näherte sich ihr langsam. Sie hatte den Salomonsiegel hier die Jahre vorher nicht gesehen. Heute setzte sich Blaue Feder sich zu den Pflanzen.

Vor ihrem inneren Auge erschien ein weiße Frau, die Samen aus einer Schüssel verstreute.

Blaue Feder hatte den Eindruck, die Natur streue ihre Blumen und Pflanzen dort, wo sie gebraucht werden, von der Natur selbst und auch von den Menschen. Dort, wo etwas verändert werden möchte. Auch in ihrem Garten wuchsen die Kräuter, die ihr gut taten. Blaue Feder wusste nichts von Salomon, aber ihr schien diese Blume die weiblichen und die männlichen Energien auszugleichen, in Einklang zu bringen und in Frieden.

Blaue Feder wünschte sich vielleicht Erfolg, doch der wahre Reichtum war nicht im Außen nicht zu finden. Er war nur im Herzen zu finden. Blaue Feder konnte ihn auch nicht mit der Kamera einfangen und zeigen. Je mehr sie sich für die inneren Welten öffneten, desto mehr veränderte sich auch ihre Welt.

Darum war es wichtig, sich zu entspannen. Blaue Feder konnte loslassen. Sie konnte sich Zeit lassen und mit allen Sinnen in die Welt der Pflanzen eintauchen. Riechen, schmecken, wahrnehmen und fühlen mit allen Sinnen eintauchen.

Blaue Feder ging noch zu einem Ort, den sie Tierfriedhof nannte. Hier sangen die alten Knochen. Sie fragte erst, ob sie eintreten darf. Dort war eine Birke, die trotz ihrer großen Verletzung weiter wuchs.

Blaue Feder ging weiter und dachte: ‚Du brauchst keine Angst vor dem Tod zu haben. Ehre ihn.‘ Als sie dies dachte, stand sie vor einer Eberesche. Jeder Baum und jede Pflanze hat eine Bedeutung. Die Bedeutung, die wir ihnen geben.

Am Großen Mondsee setzte sie sich auf die Bank und die Frau vom Großen Mondsee setzte sich zu ihr. Sie triefte vor Wasser und Algen hingen an ihr runter. Sie setzt sich zu Blaue Feder und nahm sie in den Arm. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Die ganze Welt ist belebt. Und so saßen sie eine Weile zusammen. Dann bedankte sich Blaue Feder und als sie ging, flog ein Kormoran fort.

Als Blaue Feder aus dem Moor kam, fiel ihr der Himmel auf. Die Graue flog an ihr vorbei. Sie hatte auch zu Beginn ihrer Runde auf dem Feld gesessen, aber Blaue Feder hatte sie nicht gesehen. Doch ist sie immer da, dort, wo auch Blaue Feder ist.